Mittler Weile hatte sich die Lage der Dinge in Amerika sehr zum Nachtheil Englands gestaltet. Washington's Erfolge im Winterfeldzuge 1776–1777 machten es selbst dem hochmüthigen Londoner Kabinet klar, daß die Unterwerfung der Aufständischen noch mehr als einen Feldzug in Anspruch nehmen würde. Suffolk wurde deshalb auch weniger wählerisch und suchte Truppen zu erlangen, wo sie sich ihm nur anboten. Wir haben im sechsten Kapitel gesehen, wie er in den ihm von Sir Joseph Yorke namhaft gemachten kleinen deutschen Staaten, Baden, Darmstadt, Gotha und Hildburghausen seinen Zweck nicht erreichte. In dieser seiner niedergeschlagenen Stimmung trat von Neuem das Angebot des Fürsten v. Anhalt-Zerbst an ihn heran, welches sein Agent Faucitt im ersten Jahre des Krieges verächtlich abgelehnt hatte. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst hat mich und Faucitt — schrieb Yorke am 7. März 1777 an Suffolk — oft mit seinen Truppenanerbietungen geplagt; ich habe ihn indessen stets höflich abgewiesen. Er will, glaube ich, zwei Bataillone, er kann aber vielleicht mehr stellen. Sie sollen in guter Ordnung sein. Es hängt von Ihren Befehlen ab, ob ich den Fürsten auf Privatwegen sondiren und mir bei ihm ein Verdienst daraus machen soll, mich ihm nützlich zu zeigen.“ „Thun Sie ja, was Sie können, antwortete er jetzt Sir Joseph Yorke am 11. März — um dem Fürsten von Anhalt-Zerbst in nicht offizieller Weise auf den Zahn zu fühlen. Wenn ich weiß, wieviel, wie und wo er liefern kann, werde ich ermessen können, ob es rathsam ist, in dem Geschäft fortzufahren.“
Auf diesen Briefwechsel hin wurden die Verhandlungen mit dem Fürsten eröffnet.
Friedrich August, der letzte Fürst dieses Ländchens (1747–1793) gebot über ein Territorium von etwa fünfzehn Quadratmeilen mit ungefähr 20,000 Einwohnern, das (1793 bei seinem Tode unter die drei Vettern von Dessau, Bernburg und Cöthen verloost) in Folge der seit dem dreißigjährigen Kriege dort erblichen Mißwirthschaft zu den ärmsten und ausgehungertsten Deutschlands gehörte. Seit 1716 wurden in Zerbst weniger Menschen geboren als starben! Das unglückliche Fürstenthum hatte in den letzten hundert Jahren alle nur denkbaren Landplagen ausgestanden, Ueberschwemmungen und Hungersnoth, Auswanderung und Krieg. Es besaß keine Industrie und keinen Handel, litt dagegen desto mehr Mangel an Nahrung. Nirgend in Deutschland gab es verhältnißmäßig mehr Hagestolze, namentlich unter den Beamten, weil die im siebenzehnten Jahrhundert festgesetzte Besoldung kaum halb zum standesgemäßen Haushalt ausreichte. Seit 1698 war kein Landtag mehr berufen worden. Die Fürsten herrschten despotisch, und Friedrich August, mit welchem wir es zu thun haben, übertraf selbst seine Vorgänger in launenhafter Willkür und frechem Souverainitätsdünkel. Er ist, was viel heißen will, die Karrikatur des Landesvaters des achtzehnten Jahrhunderts, die komische Figur unter seinen Kollegen und verdient der Held eines tragi-komischen Gedichts zu werden. Friedrich August war der Bruder der berühmten Kaiserin Katharina II. von Rußland. Ob in den winzigen Verhältnissen der Heimath Verrücktheit wurde, was bei der großen Schwester auf einem mächtigen Thron des Auslandes Genialität des Denkens und Handelns war, läßt sich schwer entscheiden; jedenfalls aber wäre bei Katharina, wenn wir uns anders einen so gewaltigen hochstrebenden Geist auf dem Zerbster Thrönchen denken können, Vieles Karrikatur gewesen, was wir jetzt als groß und imponirend an ihr bewundern. Natürlich mußte ein so angelegter Mann, wie Friedrich August, aus ganzer Seele seinen mächtigen Nachbar, Friedrich den Großen, hassen, der Leben schuf, wo noch keines vorhanden gewesen war, der mit alten Vorurtheilen und Mißbräuchen unbarmherzig umging und sich in seinem revolutionären Vorgehen am allerwenigsten durch eingebildete Größen hindern ließ. Der König behandelte den Fürsten wie einen unbedeutenden Landjunker, in dessen Rechte er allerdings sehr gewaltsam eingriff, wie er denn z.B. einen von dessen Schützlingen im Jahre 1758 ohne Weiteres im Zerbster Schlosse verhaften ließ. Nach dem Frieden von 1763 ging der Fürst nach Basel, um nur nicht in der Nähe des verhaßten Königs zu sein, und regierte bis 1780 von hier und von 1780 an von Luxemburg aus sein Ländchen durch Reskripte und Befehle in einem Stil, den in neuerer Zeit ein anderer deutscher Potentat, Fürst Heinrich LXXII. von Reuß-Schleiz-Lobenstein glücklich nachgeahmt hat. Als seine Unterthanen sich einst wegen Abstellung eines Unrechts an ihn wandten und um seinen Schutz baten, antwortete er ihnen, derartige Lapalien gingen ihn gar nichts an und wünsche er sehr, in seiner Zurückgezogenheit nicht mit ihren elenden Klagen belästigt zu werden. Da diese gleichwohl fortdauerten, verbot er durch einen auf Querfolio gedruckten Anschlag vom 1. März 1788, daß ihm ferner Niemand mehr nachlaufe noch ihn behellige, bei Vermeidung unausbleiblicher Ahndung und Absetzung der Dienerschaft. Auf der Insel Wangeroge, die als Theil der Herrschaft Jever ihm damals gehörte, errichtete er einen großen Galgen, an welchem die beim Austernsammeln ertappten Fischer gehängt werden sollten; es wurde aber keiner abgefaßt.
An Stelle Serenissimi regierte in Zerbst ein Geheimer Rath, dessen zwei oder drei Mitglieder die sämmtlichen Instanzen bildeten. Bekannt ist die von dem pädagogischen Schriftsteller Sintenis erzählte Anekdote, wonach er von dem Geheimen Hofrath Haase, durch den Geheimen Hofrath Haase nochmals an denselben Geheimen Hofrath Haase appelliren mußte. Der französischen Revolution muß zu den vielen Sünden, die sie bereits auf dem Gewissen hat, auch der Tod dieses Fürsten zugeschrieben werden. Als er von ihrem Ausbruche hörte, wurde er unruhig und erließ lange, sehr schwer verständliche Schreiben an seine Unterthanen, in welchen er sie im Namen der heiligen Dreieinigkeit ermahnte, treu und gehorsam zu bleiben, im Falle des Ungehorsams ihnen aber mit den himmlischen Strafen drohte. (Warum wohl nicht mit den irdischen?) Friedrich August starb aus Kummer über die Hinrichtung Ludwig's XVI. Auf die erste Nachricht von diesem Ereigniß hin weigerte er sich, ferner Speise und Trank zu sich zu nehmen — und einige Wochen später war der Märtyrer der Legitimität todt. Dieses fürstliche Prachtexemplar hatte es in österreichischen Diensten bis zum Feldmarschall-Lieutenant gebracht, hielt sich nach 1783 auch selbst eine „Armee“ von 2000 Mann mit nicht weniger als elf Obersten. Seine Werbeplätze waren über ganz Deutschland zerstreut, einmal gab es deren nicht weniger als sechzehn. Gleichwohl bezahlte sich das Geschäft, denn er fand fast immer Verwendung für seine Truppen.
Schon bei Eröffnung der englisch-amerikanischen Feindseligkeiten war Friedrich August mit seinem Angebote in den Markt gekommen; indessen nahm man anfangs nicht die mindeste Notiz von ihm, und ohne Yorke's Empfehlung würde er voraussichtlich wohl nie berücksichtigt worden sein. Er hatte sich zunächst unmittelbar an Georg III. gewandt, aber keine Antwort auf seinen Brief erhalten, weil der König seinen Inhalt nicht entziffern konnte. Um direkt zu seinem Ziele zu gelangen, ließ der Fürst im Mai 1776 durch den Erbprinzen von Hanau seine Vorschläge an Suffolk machen. „Wenn Sie je — schreibt der Minister Malsburg am 27. Mai 1776 an Faucitt — von der sonderbaren Denk- und Handlungsweise dieses Fürsten gehört haben, so werden Sie über die Unregelmäßigkeit dieses Schrittes nicht erstaunt sein. Da Sie aber möglicher Weise ein Regiment mehr brauchen können, so hat mein Herr mir befohlen, Ihnen den Brief des Fürsten vertraulich im Original mitzutheilen. Die Verwirrung, die in seinem Stil und in seinen Ausdrücken herrscht, hat mir nicht erlaubt, eine französische Uebersetzung davon zu machen. Zudem werden Sie wohl Jemanden haben, der ihn lesen kann und, soweit dies überhaupt möglich ist, seinen Sinn erklärt. Der Fürst will also ein Regiment von 627 Mann an England überlassen. Mein Herr möchte übrigens in der ganzen Sache nicht genannt sein. Der Brief an den König ist in einer so merkwürdigen Art geschrieben, daß es mir ein Problem scheint, ob er überhaupt dem hohen Adressaten übergeben werden kann.“
Faucitt legte in seinem Berichte an Suffolk den Original-Brief des Fürsten nicht einmal bei, um dem König die Unbequemlichkeit der Beantwortung eines in so befremdender Weise gemachten Anerbietens zu ersparen. Suffolk billigte sein Verfahren und ließ den Zerbst'schen Antrag auf sich beruhen.
Uebrigens war der Fürst so leicht nicht abgeschreckt. Er suchte Ende November 1776 durch den Herzog von Braunschweig seine Absicht zu erreichen. „Der Fürst von Anhalt-Zerbst — schreibt Feronce am 17. November 1776 an Suffolk — hat den Herzog inständigst ersucht, durch Ihre Vermittlung dem König 800 Mann Infanterie für Amerika anzubieten. Das Regiment ist gut einexerzirt und ausgerüstet; es kann sich, sobald es gewünscht wird, mit zwei Geschützen in Marsch setzen und, falls der König noch mehr fremde Truppen anwerben sollte, mit unseren Rekruten einschiffen. Die einzige Gunst, um die ich bitte, besteht darin, daß der Herzog in den Stand gesetzt wird, dem Fürsten eine Antwort zukommen zu lassen.“ Suffolk lehnte am 26. November das Gesuch aber auch wieder ab, weil der König bei der günstigen Wendung, welche die Dinge in Amerika genommen hätten, keine fremde Truppen dort mehr nöthig zu haben glaube.
Friedrich August war jedoch nicht der Mann, den ein zweimaliger abschläglicher Bescheid entmuthigt hätte. Er empfahl sich also dem englischen Gesandten im Haag, Sir Joseph Yorke noch einmal zur gefälligen Berücksichtigung. Yorke hatte offenbar Mitleid mit dem Zerbster und wollte seine Standhaftigkeit belohnen. Er verfehlte also nicht, ihm die durch Suffolk's letztes Schreiben in Aussicht gestellte günstige Wendung der Dinge mitzutheilen. Als Antwort auf diese freudigen Eröffnungen empfing er eine wahre Sündflut von fürstlichen Briefen, Plänen und Vorschlägen, die sich sogar bis auf die Vermehrung der englischen Marine erstreckten. Bei dem dunkeln und verworrnen Stil dieses fürstlichen Don Quixote ist es leider nur ausnahmsweise möglich, seine Gedanken ganz zu errathen, ein Prozeß, der durch ein barbarisches Französisch bedeutend erschwert wird, da es die abgerissenen Sentenzen noch verrückter erscheinen läßt. Doch der Leser möge selbst nach den im Anhang mitgetheilten Proben urtheilen.
Der Fürst schien also endlich am Ziele seiner Wünsche zu sein, und seine kühnsten Hoffnungen und Gedanken schwelgten jetzt schon in einem Kreuzzug für die von den amerikanischen Rebellen bedrohte Legitimität. „Vier Brüder in Dessau — schreibt er an Yorke in dem im Anhange vollständig mitgetheilten Briefe vom 29. April 1777 — besaßen gemeinschaftlich mehr als sechshundert Hetzhunde, die bei den Dessauer Bürgern einquartirt waren. Schöne Garnison! und beim ersten Peitschenknall oder Hörnerschall eilten diese Hunde zusammen wie die Soldaten beim Klang der Trompete. Teufel! wenn man die Amerikaner wie diese Hunde laufen machen könnte! Das wäre herrlich! Aber dazu braucht man Truppen.“