Inzwischen hatte Faucitt am 29. April 1777 auch von Suffolk Auftrag erhalten, sich von der Beschaffenheit der Zerbster Bataillone zu unterrichten, um beurtheilen zu können, ob sie des Königs weitere Aufmerksamkeit verdienten. Er sollte nicht weniger als 500 und nicht mehr als 800 Mann nehmen und seinen Verhandlungen mit Zerbst den anspacher Vertrag zu Grunde legen. Kaum war aber Aussicht für die Vermiethung der Landmacht vorhanden, so faßte der Fürst auch schon den Plan, die Vortheile seiner an der Nordsee gelegenen Grafschaft Jever zu verwerthen. „Wenn England — schrieb er am 23. Juni 1777 an Yorke — an der deutschen Küste gegen die Rebellenkaper zwei Fregatten von je zwölf und zwanzig Kanonen und zwei kleinere Fahrzeuge von je acht und zehn leichten Geschützen wünscht, so kann ich ihm dieselben überlassen. Meine Schiffe sind Schnellsegler und aus folgenden Gründen für Sie unentbehrlich: 1) stellen sie die Verbindung zwischen mir und meinen Truppen her; 2) vermitteln sie die von Deutschland abzusendenden Verstärkungen; 3) erlangen sie dadurch so viel Schiffe und Matrosen mehr, was bei der Frechheit der Rebellen, die „leur canaille de pirates“ überall hinschicken und sogar im Stande sind, die deutschen Küsten heimzusuchen, gar nicht gering anzuschlagen ist.“

Komischer Weise nahm Yorke diesen letzten Vorschlag im Ernste auf und meint am 15. Juli 1777 in seiner Bevorwortung desselben bei Suffolk, daß er deshalb Beachtung verdiene, weil England durch ihn eine große Zahl von Seeleuten erlangen könne, die sonst vielleicht gegen dasselbe vom Feinde verwandt werde. Als wenn der Fürst außer vielleicht ein paar Fischerbooten ein einziges seetüchtiges Fahrzeug gehabt hätte! Der Mann lebte in Basel und wollte von hier aus eine Flotille ausrüsten!

Suffolk hatte nur unter der Voraussetzung mit dem Fürsten angeknüpft, daß sein Regiment bis zum April marschfertig in Jever sein und bis zur Eröffnung des Herbstfeldzuges in Amerika eintreffen könne. Als aber der Geheime Rath Haase, welcher zerbstischer Seits mit Faucitt den eventuellen Vertrag in Braunschweig abzuschließen bestimmt war, dort zur verabredeten Zeit nicht erschien, und als Faucitt außerdem noch Anfang Juni 1777 nach Hause meldete, daß das Zerbster Regiment, statt wie versprochen schon in Jever, noch in Zerbst sei, nahm Suffolk unmuthig seinen Befehl für Annahme der zerbstischen Truppen zurück. Die Jahreszeit, erklärte er, sei zu weit vorgerückt, als daß sie noch im Laufe des Sommers in den englischen Dienst genommen werden könnten. Der Fürst hatte in der Person der Herren von Oppeln und von Wietersheim zwei „Gesandte“ nach London geschickt, um durch sie den Vertrag zwischen den Kronen Zerbst und Großbritannien abschließen zu lassen. Suffolk bedeutete sie kurzer Hand, London sei nicht der Platz für ein derartiges Geschäft und empfahl ihnen sofortige Abreise.

„Trotz Ihrer Versprechungen — schreibt der Fürst am 25. Juni 1777 wehklagend an Yorke — hat man in London meine Truppen abgelehnt; man will bis zum nächsten Jahre warten. Das ist unmöglich, ich werde mich dann nicht wieder ähnlicher Behandlung aussetzen. Andere Mächte werden diese schönen Truppen (ohne Eitelkeit!) mit offenen Armen aufnehmen. Ich hoffe, Sie werden aber noch Alles arrangiren.“

Yorke suchte denn auch die Sache bei Suffolk wieder in den Gang zu bringen. „Ich sende Ihnen — schrieb er ihm am 15. Juli 1777 — durch den hannöver'schen Kourier verschiedene Briefe, welche ich von meinem merkwürdigen Korrespondenten, dem Fürsten von Zerbst erhalten habe. In seinem letzten ist er über den eingetretenen Zeitverlust aufgebracht. Ich lege meine eigene Korrespondenz nicht bei, da sie nur ermüdend für Sie sein würde; ich habe mich übrigens genau an meine Befehle gehalten. Ich habe dem Fürsten heute geschrieben und mich bemüht, ihn guten Muths zu erhalten und zu besänftigen. Bei allen seinen Verrücktheiten ist er doch ein guter Kerl, der besser handelt als er schreibt. Ich wünsche, seine Truppen möchten in diesen schwierigen Zeiten doch noch genommen werden.“

Die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz ließen es denn auch Suffolk noch im Laufe des Sommers wünschenswerth erscheinen, die englische Armee in Amerika, sei es auch nur durch ein oder zwei zerbstische Bataillone zu verstärken, ja er mußte froh sein, daß sich ihm wenigstens eine Aussicht auf ein sofort bereites Hülfs-Korps bot. So beauftragte er denn im Herbste 1777 Faucitt, für zwei Regimenter mit dem Zerbster Ministerium abzuschließen. Dieses unterwarf sich ohne jeden Widerspruch den vom englischen Kommissar gestellten Bedingungen und begnügte sich sogar mit der bloßen Punktation eines Vertrages, die gegen Ende Oktober 1777 zu Stande kam, die es aber England freistellte, seine endgültige Genehmigung so lange zu verschieben, bis die zerbstischen Truppen von Faucitt im Einschiffungshafen in den englischen Dienst gemustert sein würden. Jedes der beiden zu liefernden Regimenter sollte aus 614 Mann, einschließlich der Offiziere, bestehen; jedes derselben aber nur zwei Stabsoffiziere, Oberst und Major, haben und im Frühjahr marschfertig sein.

England übernahm also nicht die mindeste Gefahr oder Verantwortlichkeit; diese fiel vielmehr ausschließlich der Zerbster Regierung anheim, die, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, in der Folge hart genug daran zu tragen hatte.

Während die übrigen, mit England arbeitenden Fürsten wenigstens Offiziere und Kadres für ihre Regimenter hatten, stand das Regiment des Fürsten von Anhalt-Zerbst, als er mit Lord Suffolk in Unterhandlungen trat, vorläufig nur auf dem Papiere. Nicht einmal für die Offizierstellen konnte er unter den paar armen adeligen Teufeln seines Ländchens „gehörig qualifizirte Subjekte“ finden, und aus der Nachbarschaft boten sich erst recht keine an, weil es allgemein bekannt war, daß Serenissimus kein Geld hatte. Er wußte aber, daß für gutes englisches Geld Werber und Offiziere in Hülle und Fülle zu haben waren und leitete deshalb als vorsichtiger Geschäftsmann die erforderlichen Maßregeln erst ein, als sie auf englische Rechnung gingen. Kaum war also die Punktation mit Faucitt geschlossen, so betrieb auch die Zerbster Regierung das Werbegeschäft mit großem Eifer. Es tritt uns hier überaus naiv in seiner unverhülltesten Gestalt entgegen, als das, was es seiner innersten Natur nach ist, als die gemeinste fürstliche Spekulation auf das Fleisch ihrer Unterthanen und der Unglücklichen, die sich durch gute Worte oder Gewalt einfangen ließen.

In der Stadt Zerbst wurde sofort ein Werbebureau errichtet, und mit allen in diesem Geschäfte üblichen Listen die nöthige Mannschaft angelockt. Im Anfang ging Alles über Erwarten gut, Meister, Gesellen und Lehrlinge, Bewohner der Stadt und Umgegend, welche sonst kein Auskommen hatten, nahmen Dienste. Schon im November waren mehr Soldaten als das von England geforderte Minimum beisammen. Da die Zerbster Bürger sich weigerten, das zum großen Theil verlorene Gesindel in's Haus zu nehmen, so mußte es im fürstlichen Schlosse untergebracht werden. Ueberhaupt scheint der Respekt der Zerbster vor Serenissimo nicht zu groß gewesen zu sein, denn sie redeten den Soldaten zu, daß sie doch nicht marschiren möchten, da sie schnöde verkauft wären und elendiglich umkommen würden, „und was dergleichen grobe Lügen und strafbares Beginnen mehr“, wie der Stadt-Kommandant General v. Rauchhaupt in einem Garnisonsbefehl erklärte. Da die Gränze nicht weit war, so wurde es den Bürgern auch nicht schwer, den Desertionslustigen zur Freiheit, d.h. zum Thore hinaus zu verhelfen. Um den Mangel an Offizieren zu beseitigen, machte die Regierung in den Zeitungen bekannt: „Wer Dienste als Offizier zu nehmen wünsche, vorzüglich aber sich getraue, Chef eines Regiments Infanterie zu werden, der könne sich sogleich bei der Hochfürstlichen Regierung in Zerbst melden und werde von derselben nähere Auskunft erhalten“. Diese Aufforderung hatte sehr bald den gewünschten Erfolg. Schon im Oktober und November waren so viele Meldungen eingegangen und angenommen, daß alle Stellen besetzt werden konnten. Als Regiments- und Bataillons-Kommandeure hatten sich zwei Brüder v. Rauschenplatt aus dem Braunschweigischen angeboten. Beide wurden in Dienst genommen. Der ältere Johann ward Oberst und Regimentschef; sein Bruder Georg Heinrich dagegen Major und Bataillonskommandeur, im Sommer 1782 aber sein Nachfolger im Kommando des Regiments, weil der ältere Bruder wegen Kränklichkeit nach Europa zurückkehrte. Stabsadjutant war Oberlieutenant Möhring und Regimentsquartiermeister ein geborener Anhaltiner, J.A. Pannier, der im April 1772 in Jena einen nassauischen Studenten im Duell erstochen hatte. Drei Feldprediger, ein lutherischer, ein reformirter und ein katholischer, hatten für das Seelenheil und die geistliche Verpflegung der Soldaten zu sorgen, während 34 unter Anführung einer Unteroffiziersfrau stehende Marketenderinnen ihnen den Bedarf an leiblicher Speise zu liefern und zu ergänzen hatten.

Schon in den ersten Tagen des November 1777 konnte das Regiment dem englischen Unterhändler auf dem Schloßplatz von Zerbst zur Musterung vorgeführt werden.