„Ich bin — schreibt Faucitt am 15. November 1777 aus Braunschweig an Suffolk — soeben von Zerbst zurückgekehrt, wo ich das eine der beiden uns angebotenen Regimenter sah. Es besteht aus lauter schönen und jungen Leuten, die indessen ihre Waffen nicht so gut handhaben und nicht so gut exerziren, als ich erwartet hatte. Ihr Oberst, Herr von Rauschenplatt, versicherte mich aber, daß sie erst vor drei bis vier Tagen von ihrem Urlaub einberufen seien, nachdem sie den größten Theil des Jahres abwesend gewesen, und daß er sich anheischig mache, sie bis zur Zeit ihres Abmarsches gut auszuexerziren. Es scheint mir, daß der Oberst das wohl fertig bringen wird; er ist ein gebildeter und thätiger Offizier, der während des ganzen letzten Krieges in dem österreichischen Heere gedient hat. Es fehlt den Leuten überhaupt nicht an guten Willen. Zu jedem Regiment gehören zwei Grenadier-Kompagnieen. Das eine Regiment ist marschfertig, während das andere, welches in einiger Entfernung von Zerbst liegt, es vor nächstem Februar nicht werden kann. Ich werde sie die Elbe hinunter bis Stade verschiffen. Die Reise dauert acht bis zehn Tage. Rauschenplatt sagte mir, er werde sofort nach Eintreffen der Erlaubniß der Uferstaaten marschiren und zur Noth gar nicht auf die Antwort der Fürsten warten.“
Dieser Plan war an sich ganz gut und leicht ausführbar, wenn nur Friedrich der Große sein Veto nicht eingelegt hätte.
[Neuntes Kapitel.]
Die in den vorhergehenden Kapiteln erzählten Verkäufe und Verschiffungen deutscher Soldaten reichen bis zum Herbste 1777. Die Zusätze zu den bereits ausführlich besprochenen Verträgen sind im Wesentlichen eine Wiederholung der ursprünglichen Bestimmungen; sie beziehen sich nur auf Lieferungen von Rekruten, Jägern und Artilleristen und erfordern darum auch kein näheres Eingehen auf ihren Inhalt.
Unerläßlich dagegen ist wenigstens eine kurze Beschreibung des Transports dieser Ersatztruppen, der bei seinen großen Gefahren und Schwierigkeiten ganz besondere Umsicht und Sorgfalt verlangte. Vor Allem galt es, die Desertion zu verhindern und die Chikanen, Eingriffe oder älteren Ansprüche der zu passirenden Staaten abzuwehren. Der englische Kommissar Faucitt berechnete natürlich nur die im Hafen auf die Schiffe gelieferten Soldaten; wer also unterwegs desertirte, lief zugleich mit den oft nicht unbedeutenden baaren Auslagen des Lieferanten davon, während eine spätere Desertion diesen nicht so sehr schädigte. Es wurden deshalb nur erfahrene Offiziere von großer Geistesgegenwart, persönlicher Gewandtheit und Entschiedenheit im Auftreten mit dem Truppentransport betraut. Aus den zahlreichen, bei den Akten befindlichen Berichten solcher Offiziere möge nur der des Obersten von Wöllwarth hier Platz finden, der Mitte Mai 1777 einige hundert hessische Rekruten von Kassel nach der Weser-Mündung führte und ein Gesammtbild der mit der glücklichen Ausführung eines derartigen Auftrages verknüpften Schwierigkeiten giebt.
„Ich habe mich — meldet Wöllwarth am 30. Mai 1777 dem Landgrafen von Hessen-Kassel — am 14. Mai unweit der Pulvermühlen bei Kassel eingeschifft, am 15. Abends bei Herstelle Anker geworfen und bin am 16. gegen 11 Uhr Abends nach Hameln gekommen. Am 17. verursachte die Passirung der dortigen Schleuse einigen Aufenthalt, so daß bereits eine Stunde außerhalb Hameln bei Lachem angehalten und Mittag gemacht werden mußte. Von da wurden nach der erhaltenen gnädigsten Instruktion die Rekruten, so preußische Deserteur oder Landeskinder waren, an Anzahl fünfzig, unter Kommando des Lieutenants Hagen und dreier Unteroffiziers mit geladenem Gewehr, auch Begleitung einer Patrouille von dem Estorffischen Dragonerregiment, bis Rodenberg abgeschickt, und nahm gedachter Lieutenant Hagen zur Vermeidung derer mehren preußischen Orten und des Bückeburgischen die Detour über Neustadt am Rübenberge, wo derselbe das zweite Nachtlager nahm. Aller gebrauchten Vorsicht ungeachtet ist ein Jäger, Namens Britt, so ein Franzose von Geburt, von da die Nacht desertirt, durch Hülfe der Patrouille aber in der Gegend von Nienburg wiederertappt worden und als Arrestant mitgebracht. Am 18. wurde Preuß. Minden passirt. Vom Kommandanten geschah nicht die mindeste Nachfrage, als wie stark der Transport sei. Am 19. ankerten wir bei Stolzenau unterhalb Nienburg. Lieutenant Hagen traf daselbst erst den Nachmittag um fünf Uhr ein. Bei diesem langen Aufenthalte entfernte sich, ohngeachtet ich von dem Schiffe Posten ausgesetzt hatte, ein Jägerrekrute, Namens Seidenfaden, welcher um so leichter, da er noch keine Montirung hatte, unter der Menge Leute solches bewerkstelligen konnte. Den Lieutenant Plier, von dessen Schiff der Rekrute war, schickte ich, weil er diesen Unmontirten hatte vom Schiff gehen lassen, auf vierundzwanzig Stunden auf das Staatsschiff in Arrest, an dessen Stelle ich Lieutenant Braumann kommandirte. Nun ereignete sich der Vorfall, daß der Unteroffizier Säugling, welcher von dem Kommando des Lieutenant Hagen erst zurückgekommen, sich etwas betrunken und einem Juden, welcher im Vorbeigehen bei denen Schildwachen Taback geraucht, nach eigener Willkür die Pfeife weggenommen. Da nun der Jude bei dem Lieutenant Braumann sich dieserhalb beschwerte und die Herausgabe der Pfeife forderte, ertheilte mehrgedachter Lieutenant Braumann dem Unteroffizier die geschärfte Ordre, solche sogleich wieder herauszugeben. Der Unteroffizier aber, welcher in dieser Verwirrung nicht wußte, daß Lieutenant Plier arretirt sei, mithin das Schiff nicht mehr kommandirte, versetzte, er würde keines Andern Kommando Folge leisten als besagten Lieutenants Plier. Es wurde der Unteroffizier zu Gehorsam angewiesen. Da er aber durch Raisonniren einen Aufstand erregte, so begab ich mich auf die Meldung des Lieutenants Braumann dahin, um solchen zu stillen. Der Unteroffizier nebst noch zwei Raisonneurs, so Anlaß dazu gegeben, wurden arretirt. Den erstern habe ich mit starken Fuchteln bestrafen lassen und degradirt bis zur Ankunft in Amerika, wie denn die beiden Andern ebenfalls zu harter Strafe gezogen wurden. Am 21. Mai haben wir die Bremer Brücke passirt und allda vom Kapitain v. Webern die achtzehn großen Ballen Bagage richtig erhalten. Am Abend dieses Tages trafen wir in Vegesack ein; am 24. aber wurden wir durch Faucitt gemustert, der nur zehn Mann ausrangirte, und am 25. auf fünf Schiffen eingeschifft, welche am 31. Mai von Bremerlehe absegelten.“
Was nun insbesondere die Rekrutenlieferungen betrifft, so beweisen sie, daß das Geschäft nicht blos in Kassel, sondern auch bei den übrigen betheiligten Fürsten eigentlich nur kurze Zeit in Blüthe stand, und daß bereits im Laufe des Jahres 1777 der Markt weniger ergiebig wurde. Nur Anspach machte eine Ausnahme von der Regel, weil es durch den siebenjährigen Krieg nicht so viel als die norddeutschen Staaten gelitten hatte. Seine Rekruten zeichneten sich bis an das Ende vor allen anderen aus, im Februar 1779 fand Faucitt sie so schön und so gut von Ansehen, daß er froh sein würde, wenn die anderen Rekruten ebenso aussähen, und noch im Mai 1782 wurden die großen schönen munteren und wohlgezogenen Anspacher bei ihrer Einschiffung ebenso bewundert, wie die ersten Bataillone des Jahres 1777. Dagegen ward es schon zu Anfang des Jahres 1777 den norddeutschen Lieferanten schwer, ihre Verbindlichkeiten zur festgesetzten Zeit zu erfüllen. Schon jetzt müssen sie an allen Ecken und Enden ihre Waare zusammenstehlen und das so gestohlene zweibeinige Gut mit großen Kosten und außerordentlicher Vorsicht bewachen lassen. Die Schilderungen, die wir in den Berichten Faucitt's und Rainsford's über ihre Rekruten-Inspektionen finden, würden komisch und erheiternd sein, wenn die Ruchlosigkeit, mit der die armen Teufel auf die Schlachtbank geliefert werden, für unser Volk nicht gar zu beschämend wäre.
„Am 21.d.M. — meldete Faucitt am 24. März 1777 aus Bremerlehe an Suffolk — habe ich die 250 braunschweiger Rekruten in Stade besichtigt und eingeschifft. Der Herzog hatte es für nöthig erachtet, sie durch eine starke Infanterie-Abtheilung von einem Hauptmann, zwei Lieutenants, vierzehn Unteroffizieren und vier und achtzig Gemeinen nach dem Hafen transportiren zu lassen. Ich habe 36 von den Rekruten wegen Körperschwäche, Alter und Einäugigkeit und sonstiger Gebrechen verworfen; es sind also nur 214 Mann übrig geblieben. Ich erinnere mich nicht, je in meinem Leben einen solchen Haufen schlecht aussehender Kerle zusammen gesehen zu haben. Kaum diejenigen, welche ich passirte, waren diensttüchtig. Die Gräben und die Stadt sind gefroren, es ist also große Gefahr der Desertion vorhanden. Noch größer wird diese Gefahr in Bremerlehe sein, wo die hessischen und waldeck'schen Rekruten jeden Augenblick ankommen müssen, und wo ich nicht das geringste Zwangsmittel gegen sie habe.“
Nicht viel günstiger als Faucitt über die braunschweigischen, spricht sich Rainsford über die vom Rheinfels gekommenen hessischen Rekruten aus. „Sie sind — schreibt er am 28. März 1777 aus Gravendael bei Dortrecht an Suffolk — äußerst ungleich, Viele sehr alt, Viele bloße Jungen und Andere wieder durchaus unbrauchbar. Es finden sich fünf bis sechs Einäugige darunter. Wir dürfen aber nicht zu wählerisch sein, weil es zu schwer ist, Leute zu bekommen. Ich wies deshalb Keinen zurück, bezeichnete aber die Anstößigsten auf der beifolgenden Liste. Die Jäger dagegen sind gut und äußerst brauchbar für den Dienst.“ Die Zahl der Rekruten belief sich auf etwa 400; der Bayreuther Minister v. Seckendorff fand darunter viele unausgewachsene Kinder, die kaum fünf Fuß maßen; zu ihrer Bewachung und Begleitung wurden ein Offizier, sechs Unteroffiziere und fünfzig Gemeine mitgeschickt.