Die waldecker Rekruten dagegen waren viel besser; ihre Mehrzahl bestand aus kräftigen und starken Leuten, wenn auch manche klein und zu jung darunter waren. Da der Fürst von Waldeck keine Festung hatte, worin er sie bis zu ihrem Ausmarsche sichern konnte, und da er, laut Bericht seines Ministers Zerbst an den englischen Kommissär, schon viele durch Desertion verloren hatte, so verschaffte ihm dieser die Erlaubniß vom hannöver'schen General Hardenberg, sie bis zur Einschiffung in dem damals befestigten Hameln unterzubringen, eine Gunst, die, wie Faucitt schreibt, den Fürsten ganz erleichterte und glücklich machte, und jeden Falls zur bessern Ausbildung der Leute viel beitrug.
Der waldecker Lieferant erwarb sich überhaupt durch seinen großen Diensteifer die besondere Gnade des Königs von England und die wohlwollende Gunst Suffolk's. „Die Rekrutirung geht besser als ich mir geschmeichelt hatte — schreibt er am 7. Dezember 1777 an Faucitt — ein Transport von 23 gut gewachsenen Leuten, lauter Schwaben, deren keiner älter als dreißig Jahre ist, befindet sich seit zwei Monaten auf dem Wege. Hier in Arolsen haben wir deren 20; wir erwarten auch noch einige aus der Wetterau (Also Dutzendweise wurden die armen Teufel in den verschiedenen deutschen Landschaften zusammen getrieben!) Sie sehen, wir sind nicht müßig; rechnen Sie immer auf mich, wenn es sich um den Dienst des Königs Georg III. und seiner gerechten Sache handelt.
„Ich lese so eben in der Leidener Zeitung, daß unter den Truppen, die General Lord Howe ausgeschickt, um die Rebellen auf der Rechten zu umgehen, sich die Waldecker an's Plündern gegeben und geweigert hätten, einen Schritt vorzurücken, ehe sie mit dem Plündern fertig wären. Um Gotteswillen, ist das wahr? Bei meiner Kenntniß des Charakters des Obristlieutenants von Hanxleden und der Hälfte seiner Offiziere kann ich das kaum glauben. Sie wissen, besser wie ich, daß einsichtige und entschlossene Offiziere es verstehen, eine ungehorsame Truppe zu ihrer Pflicht zurückzuführen. In einem solchen Falle zerschmettert man einem Dutzend der Hauptmeuterer das Gehirn oder sticht sie nieder. Hanxleden ist mir stets als der Mann erschienen, der bei ähnlicher Gelegenheit energisch handeln würde. O, könnten Sie mich doch über die Haltung meines Regiments beruhigen; ich möchte lieber, daß es 300 Mann verlöre, als daß es sich schlecht aufführte!“
Faucitt beruhigte denn auch umgehend den Fürsten, daß die obige Nachricht eine der vielen in Holland fabrizirten Erdichtungen sei. Die Waldecker Truppen hielten sich vielmehr in Amerika zur vollen Zufriedenheit ihrer englischen Vorgesetzten, welche nur das an ihnen auszusetzen fanden, daß sie nicht reinlich genug waren und aus Mangel an Sorgfalt zu viel Kranke hatten. Die Desertion bei ihnen war verhältnißmäßig gering.
„Könnte ich doch bald erfahren — schrieb der Fürst sofort nach dem Bekanntwerden der Gefangennahme Burgoyne's, an Suffolk — daß Howe und Clinton das Unglück von Saratoga ausgeglichen haben! Wenn ich nur ein Korps von 6000 Mann zu meiner Verfügung hätte! Ich würde es Ihnen überlassen, ohne einen Heller dafür zu nehmen.“ Diese leeren Redensarten gefielen in London gar sehr.
Kaum zwei Jahre nach Absendung deutscher Truppen nach Amerika brach der bayrische Erbfolgekrieg aus, der natürlich eine große Konkurrenz im Markte eröffnete und dem besser zahlenden und listiger oder gewaltsamer auftretenden Werber den Vorsprung ließ. Die kleinen Fürsten wollten zu wenig von ihrem Gewinn abgeben; ihre Werbeoffiziere suchten deshalb durch Rohheit und Gewaltthätigkeit zu ersetzen, was ihnen an Geld fehlte. Die großen deutschen Mächte dagegen, die sich nunmehr gegenübertraten, statteten ihre Werber mit größeren Mitteln aus und zogen deshalb mehr Rekruten an. Zum Glück für die deutschen Truppen-Lieferanten dauerte der bayrische Erbfolgekrieg nicht lange; vom Sommer 1779 an konnten sie das ihnen nur für kurze Zeit erschwerte Geschäft wieder ausschließlich betreiben. Im Mai 1779 wandte sich ein Hauptmann v. Langsdorff, Kommandant des Reichs-Volontär-Korps, das sich aufzulösen im Begriffe stand, von Prag aus an den Minister v. Gemmingen in Anspach. „Es ist nicht schwer, sagte er, einen Theil der Leute, der mir zu folgen gesonnen ist, zu engagiren und nach Anspach zu bringen, ich wünsche zu wissen, wie viel Serenissimus mir vor jeden Mann, den ich nach Anspach schaffen werde, zahlt, damit ich Handgeld und die übrigen Depensen darauf reguliren kann. Die Leute sind meistens jung und schön und vom besten Willen. Wie viel Unteroffiziere könnte ich engagiren, und was wird für sie bezahlt?“ Man sieht, der Mann verstand sein Geschäft. Gemmingen meldete dieses Angebot sofort nach London, erhielt aber eine abschlägige Antwort, da es in diesem Jahre (1779) zu spät sei, Truppen nach Amerika zu senden. So zerschlug sich diese Sache. Anspach that nichts mehr darin, da es wegen der nöthigen Rekruten und Jäger nie in Verlegenheit war.
Am schlimmsten dagegen war der Erbprinz von Hessen-Kassel daran, der so ziemlich auf demselben Jagdgrund mit seinem Vater auf Rekruten pirschen mußte. Er war deshalb genöthigt, sich anderwärts, ja im ganzen Reiche nach Werbeplätzen umzuthun. Die hessischen Werber waren aber überall so gefürchtet, verhaßt und verachtet, daß der Erbprinz es sich als einen freundnachbarlichen Gefallen vom Anspacher Markgrafen erbat, daß seine Werber in anspachischen Uniformen ihrem Geschäfte nachgehen durften. „Ihro Durchlaucht der Erbprinz — schreibt der hanauische Minister v. Gall am 15. Februar 1781 an Gemmingen — schmeicheln sich von der Hand des durchlauchtigsten Herrn Markgrafen und von der Freundschaft und Gefälligkeit der Herren, welche zu dem guten Erfolg in dieser Werbungssache einen Beitrag leisten können, daß solche, da sie vermuthlich nur einige Wochen dauern kann, auch in dieser kurzen Zeit uns zum Theil aus der Verlegenheit ziehen wird, die die Einrichtung eines solchen Korps natürlich mit sich führt, wenn wenig Zeit und an allen Orten und Enden Holländische Werbung ist, die ihre Dukaten und den Umstand sehr geltend macht, daß die Leute den Rheinstrom nicht verlassen. Vielleicht finden sich unter deren Arrestanten verschiedener Art solche Leute, denen eine Wohlthat und dem Lande ein Vortheil geschähe, wenn sie nach Amerika geschickt würden. Vielleicht sind auch unter deren geworbenen Ausländern einige, die klein und also entbehrlich sind; hoffentlich aber werden es Ew. Exzellenz gefälligst in die Wege leiten, daß, Dero eigene Werbung unbeschadet, die Kommandirten an die unsrigen behülflich und beförderlichst sein dürften. Ew. Exzellenz wollen gefälligst gestatten, daß allen Falls Herr Hauptmann v. Geismar (der hessische Werbeoffizier) seine Rekruten mit dem hochfürstlich Brandenburgischen Transport den Mayn herunter schicken dürffe.“
Der Markgraf kam den Wünschen des Erbprinzen um so lieber nach, als dieser sich ihm bei früheren Gelegenheiten besonders gefällig erwiesen hatte, und verehrte ihm als besonderes pretium affectionis einen wahrscheinlich ebenfalls gestohlenen zwei und zwanzigjährigen, 10½ Zoll großen Rekruten. Serenissimus behielt natürlich den „prächtigen Kerl“ für sich und dankte seinem Geschäftsfreunde in den überschwenglichsten Ausdrücken für diesen kostbaren Beweis seiner Zuneigung. Solche Geschenke von Menschenfleisch waren übrigens nichts Seltenes unter den regierenden Herren jener Zeit, ja diese machten sie sogar den im Range unter ihnen Stehenden. Schenkte doch sogar der aufgeklärte Kaiser Joseph II. dem berühmten preußischen Reitergeneral v. Seidlitz, um ihn besonders auszuzeichnen, eine schöne zirkassische Sklavinn, die dem alten Haudegen so sehr gefiel, daß er sich einige Zeit darauf noch eine zweite auf eigene Rechnung nachkommen ließ.
Am Empörendsten von allen deutschen Fürsten handelte übrigens der Herzog von Braunschweig. Dieser Mensch hatte die Stirn, die englische Regierung flehentlich zu bitten, seine in Gefangenschaft gerathenen Truppen, wenn sie überhaupt ausgewechselt werden sollten, ja nicht in die Heimath zurückkehren zu lassen, damit ihm, dem besorgten Landesvater, das Rekrutirungsgeschäft nicht verdorben werde. Es befanden sich bekanntlich etwa 2000 braunschweigische, unter dem braven Riedesel stehende Soldaten bei Burgoyne, als sich dieser leichtfertige und unbedeutende General am 17. Oktober 1777 bei Saratoga dem amerikanischen General Gates ergeben mußte. In dem zwischen diesem und Burgoyne abgeschlossenen Vertrage der Uebergabe war bestimmt worden, daß die Truppen baldmöglichst in Boston nach England eingeschifft oder ausgewechselt werden sollten. Gates' Zusicherung wurde jedoch später vom Kongreß nicht genehmigt. In Folge dessen blieben die deutschen Gefangenen unter unsäglichen Entbehrungen und Kränkungen zuerst im Winter auf dem Winterhill bei Boston und wurden später nach Charlotte in Virginien internirt, aber erst Ende 1782 nach mehr als fünfjähriger Gefangenschaft ausgewechselt.