Man hat vielfach den Grund für diese schlechtere Behandlung der Braunschweiger in der englischen Engherzigkeit und Parteilichkeit gesucht. Man thut aber den Engländern Unrecht, denn der eigene Landesherr war es, welcher seine Unterthanen benachtheiligte. Als das erste Gerücht von der Gefangennahme bei Saratoga und der baldigen Zurückkunft der englischen Truppen, also auch der Braunschweiger nach Deutschland drang, schrieb nämlich der Minister Feronce am 23. Dezember 1777 an Faucitt:
„Wenn man uns hilft, wie man kann und soll, so werden wir unsere Truppen bald wieder auf den erforderlichen Etat bringen. Soll es geschehen, und darin werden Sie, General, mit mir übereinstimmen, so dürfen wir unter keiner Bedingung die armen Teufel von Kapitulanten nach Deutschland zurückkehren lassen. Sie werden natürlich mißvergnügt sein, und ihre Uebertreibungen werden ebenso natürlich von jeder fernern Betheiligung an Ihrem amerikanischen Kriege abschrecken. Sie lassen sie besser, wenn sie denn einmal ausgewechselt werden sollen, nach einer Ihrer amerikanischen Inseln oder selbst z.B. nach der Insel Wight schaffen. Denn dadurch haben Sie weniger Kosten und verlieren weniger Zeit. Ich bitte Sie also, bester General, über das, was ich Ihnen hier sage, nachzudenken und, wenn Sie sich ebenso dafür interessiren, wie wir, meine Ansicht auch Mylord Suffolk zu unterbreiten, der zu viel Einsicht hat, als daß er eine derartige Maßregel in dieser uns ganz gemeinschaftlichen Sache nicht dem Interesse und Dienste des Königs für entsprechend hielte.“
Als wenn aber Faucitt nicht zuverlässig genug gewesen wäre, schrieb Feronce zwei Monate später, am 23. Februar 1778 noch direkt an Suffolk. „Der Herzog — sagte er in seinem Briefe — ist zu sehr von dem Wohlwollen des Königs und der Klugheit seines Ministeriums überzeugt, als daß er voraussetzte, daß man je daran denken wird, die deutschen Truppen, die bei Saratoga kapitulirt haben, nach Deutschland zu schicken, denn ihre Rücksendung würde in ihrem gegenwärtigen zerrütteten Zustande die traurigsten Wirkungen hervorrufen und die schmerzlichste Sensation erregen, uns aber verhindern, unsere drei Regimenter in Kanada à 600 Mann zu kompletiren.“
Natürlich wußten die armen in Amerika gefangen gehaltenen Braunschweiger nichts von dieser freundlichen Fürsorge ihres Serenissimus, denn sonst würden sie sich wohl nicht so oft über Zurücksetzung hinter die Engländer beschwert oder ihrem Fürsten selbst unter den härtesten Entbehrungen die unverbrüchlichste Treue bewahrt haben. Es ist ein rührendes Bild, wie die mitgefangene deutsche Generalsfrau die Fahnen, um sie zu retten und unverletzt nach Hause zu bringen, bei Nacht in ihre Betten einnäht, und wie ein, wenn auch mißverstandenes Ehr- und Pflichtgefühl die Unglücklichen selbst in der Gefangenschaft zusammenhält; aber es ist eine jeder Charakteristik spottende, selbst in jener Zeit einzig dastehende Infamie, wie der herzlose braunschweiger Herzog dieselben Soldaten, welche ihre Haut für ihn zu Markte trugen und ihn dadurch vom Bankerott retteten, jetzt im unverdienten Unglück nicht wieder sehen will, weil sie ihm das Geschäft verderben könnten. Also nicht genug, daß die eigenen Landeskinder verkauft sind; jetzt nachdem es geschehen, dürfen sie sich nicht mehr blicken lassen, damit ihrer noch mehr verkauft werden können. Und der braunschweiger Herzog war noch lange nicht der schlimmste unter seinen fürstlichen Zeitgenossen, er galt im Gegentheil als aufgeklärt, liberal und leutselig.
Wie stolz und Ehrfurcht gebietend steht diesen kleinen Fürsten der große König von Preußen gegenüber! Friedrich ist fast der einzige deutsche Regent jener Zeit, der, weil er seine persönliche Verantwortlichkeit vor der Welt fühlt, auch persönliche Würde hat; der einzige Herrscher, der mit klarem Auge große politische Ziele verfolgt, und der sich mit wahrhaft erhabener Vorurtheilslosigkeit nicht scheut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Man kannte außer beim König kaum eine selbständige Politik mehr in Deutschland, die meisten kleinen Staaten fristeten ihre klägliche Existenz nur durch geschmeidiges Anklammern an fremde Interessen. Deshalb ist der souveraine Hohn und die kalte Verachtung, welche er England und seine Lieferanten überall fühlen läßt, doppelt wohlthuend.
Friedrich's Verhältniß zum Soldatenhandel ist vielfach entstellt und übertrieben worden; führen wir es deshalb auf den richtigen Thatbestand zurück!
Der König sowohl wie der deutsche Kaiser hatten ein naheliegendes politisches Interesse an den Truppenlieferungen. Einmal verstießen dieselben gegen die Reichsgesetze, deren Hüter der Kaiser sein sollte, dann aber raubten sie ihm, sowie dem König von Preußen bei dem damaligen Werbesystem einen großen Theil der Mittel zur Füllung ihrer eigenen Regimenter, wenn der amerikanische Krieg noch unbestimmte Zeit fortdauerte.
So lange die ersten Verhandlungen schwebten, erwartete man höchstens einige tausend Mann als ihr Ergebniß, denn Niemand hatte geglaubt, daß die kleineren Fürsten kaum dreizehn Jahre nach dem siebenjährigen Kriege im Stande sein würden, innerhalb weniger Monate nahe an 20,000 Mann zu liefern. Gleichwohl wurden der Verschiffung der Hauptkorps nicht die mindesten Hindernisse in den Weg gelegt. Erst mit den Sendungen des Jahres 1777 begann, wie wir im siebenten Kapitel gesehen haben, auf Anstiften des kaiserlichen Gesandten, sich unter den rheinischen Fürsten eine, vorläufig noch in kleinen Chikanen auftretende Feindseligkeit gegen die Truppenlieferanten zu entwickeln, die gleichwohl diesen und England die ernstlichsten Besorgnisse einflößte, weil sie für die Folge das Geschäft bedeutend verzögern und dadurch beeinträchtigen konnte. Schlimmsten Falls war aber mit den geistlichen und pfälzer Kurfürsten durch diplomatische Vorstellungen und Drohungen, Geschenke, Baarzahlungen und sonstige Aufmerksamkeiten an ihren Höfen schon fertig zu werden. Auch des Kaisers Befehle waren unter Umständen zu umgehen und fielen mehr durch ihr moralisches Gewicht als durch ihre praktische Tragweite in die Wagschale.
Bereits im Oktober 1777 hatte der Wiener Hof allen seinen Gesandten bei den verschiedenen deutschen Fürsten Auftrag gegeben, die Truppenlieferungen an England soviel als möglich zu verhindern, da sie das Reich entvölkerten und sonstige schlechte Folgen nach sich zögen. „Die Wahrheit ist — schreibt Cressener am 17. November 1777 aus Bonn an Suffolk — daß die österreichischen Werbe-Offiziere große Schwierigkeiten beim Rekrutiren fanden, daß die Rekruten den Dienst in Amerika vorzogen, und daß selbst die kaiserlichen Regimenter in Folge dessen mehr als gewöhnlich durch Deserteure verloren. Aehnliche Beschwerden brachten die preußischen Werbeoffiziere vor. Namentlich klagten sie darüber, daß seit dem amerikanischen Kriege ihre Rekruten nur selten noch das erforderliche Maß hätten, also bloß Ausschuß wären.“
Ein zu derselben Zeit den Direktoren des westfälischen Kreises vom Kaiser gemachter Vorschlag, innerhalb ihres, ganz Westfalen und Niedersachsen umfassenden Gebietes, die Truppenaushebungen für England zu verhindern, scheiterte gleichwohl mit am Widerspruch des preußischen Residenten Emminghaus, da der König sich dem Kaiser nicht unterordnen wollte und er selbst möglichen Falls unter den Konsequenzen des Verbots zu leiden gehabt haben würde. Uebrigens kümmerte sich England in der Folge gar nicht um den Widerspruch von Kaiser und Reich, und diese ließen es auch ruhig gewähren.