Anders dagegen bei Friedrich, der seiner Politik bei Freund und Feind Respekt zu verschaffen wußte. Sein Verhältniß zu England war seit dem Jahre 1761, wo er so schmählich durch Bute im Stich gelassen wurde, sehr lau gewesen und seit der ersten Theilung Polens, wo es seinen Ansprüchen auf Danzig mit entschiedenem Erfolge entgegengetreten war, sogar ein erbittertes geworden. Aeußerlich höflich, verachtete Friedrich die damals England beherrschende Aristokratie und sprach sich bei jeder Gelegenheit mit der äußersten Geringschätzung gegen sie aus, diese Menschen, bei denen die Liebe zum Gelde und der persönliche Vortheil den Sieg über das öffentliche Wohl davon trage. „Dieser Engländer — hatte er früher einmal von Bute gesagt — glaubt, er könne mit Geld Alles erreichen.“ Jetzt war die Gelegenheit gekommen, England empfindlich zu kränken, ohne ihm gerade feindlich gegenüberzutreten — und Friedrich ließ sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Andererseits fürchtete er aber wirklich, daß die bedeutenden Truppenlieferungen nach Amerika ihn in seinem eigenen Bedarf verkürzen würden, und das zu einer Zeit, wo der täglich drohende Tod des Kurfürsten Maximilian Joseph den bei den österreichischen Ansprüchen unvermeidlich gewordenen Krieg wegen der bairischen Erbschaft zum Ausbruch bringen konnte.

„Der König von England — sagt Friedrich in seinem Anhang zu den Memoiren seit dem Frieden von Hubertsburg bis zum Ende der Theilung Polens — unterhandelte mit allen Höfen Deutschlands, um die wenigen Leute daraus zu ziehen, die es noch zu liefern vermochte. Deutschland spürte schon die Nachwehen der zahlreichen Menschenlieferungen, die in fremde Welttheile geschickt waren, und der König von Preußen sah mit Sorge, daß im Falle eines neuen Krieges das Reich seiner Vertheidiger beraubt sein würde, denn im Jahre 1756 hatten Niedersachsen und Westfalen allein eine Armee auf die Beine gebracht, mit welcher man die Fortschritte des französischen Heeres aufhalten und vereiteln konnte. Aus diesem Grunde chikanirte er die Truppen der mit England verbündeten deutschen Fürsten, sobald sie durch Magdeburg, Minden und das Gebiet am Niederrhein passiren mußten. Es war das eine schwache Rache für das schlechte Verhalten, welches der Hof von London ihm gegenüber rücksichtlich der Stadt und des Hafens von Danzig beobachtet hatte. Der König wollte übrigens die Dinge nicht zu weit treiben, denn eine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß man immer eine Menge Feinde findet, ohne daß man sie sich aus Uebermuth auf den Hals zu laden braucht.“

Wenn man sich die damalige deutsche Politik des Königs vergegenwärtigt, so wird man finden, daß er erst dann, als der Krieg mit dem Kaiser gewiß geworden war, ernstliche Maßregeln gegen England und seine Lieferanten ergriff. Friedrich hat in den obigen Worten ihnen gegenüber ganz genau seinen Standpunkt bezeichnet. Wir werden später sehen, daß jede seiner Handlungen damit übereinstimmt; gleichwohl haben selbst angesehene deutsche Geschichtsschreiber, wie z.B. Schlosser, von den Amerikanern nicht zu reden, seine Motive und Akte in dieser Beziehung gröblich entstellt. Diese tendenziöse Auffassung der Opposition Friedrich's verräth namentlich amerikanischer Seits einen eben so großen Mangel an Einsicht in die Politik jener Zeit als in den Charakter des Königs. Ein Fürst, der, um seine Zwecke zu erreichen, ohne jedes Bedenken hundert Tausende von Menschenleben opfert; ein Feldherr, der sich wundert, daß „die Hunde von Grenadiere ewig leben wollen“, wenn sie sich nicht gleich in den Rachen von hunderten, Tod und Verderben speienden Geschützen stürzen, ein solcher Mann wird, ohne das moralische Ungeheuer zu sein, als welches ihn höchst oberflächlicher Weise Macaulay karrikirt, nie wie ein junger sentimentaler Lyriker für die Sache unterdrückter Unterthanen in die Schranken treten und am allerwenigsten ihnen zu Liebe seines Gleichen den Krieg erklären. Nichts ist deshalb ungerechtfertigter als die Annahme, daß Friedrich aus Sympathie für die amerikanischen Rebellen dem Landgrafen von Hessen und seinen Kollegen feindselig gegenübergetreten sei.

Um hier nur eine der bekannteren falschen Geschichten hervorzuheben, so ist es zum Beispiel eine von Kortüm zuerst Franklin nacherzählte und später von Schlosser wiederholte Anekdote, daß die hessischen Soldaten auf Befehl des Königs bei Minden den Viehzoll hätten entrichten müssen, weil sie ja wie Vieh verkauft seien[5]. Schlosser druckt den Passus sogar mit gesperrter Schrift. Nie hat Friedrich eine derartige Maßregel angeordnet. Er beschränkte sich einfach, wie er das selbst ausdrücklich hervorhebt, auf die Chikane und zwang die Miethstruppen, eine Zeit lang sein Gebiet bei Magdeburg, Minden und Wesel zu umgehen oder er besteuerte ihr Gepäck. Zudem haben wir es hier nicht mehr mit dem jugendlich übermüthigen König zu thun, der die hallischen „Fasen“ zum Theaterbesuch zwang, sondern mit dem gewiegten Staatsmann, der nur das Interesse seines Staates im Auge hat und jedes Ereigniß in diesem Verhältniß auffaßt und benutzt. Sodann darf man nicht übersehen, daß die preußische Armee damals auch noch keine Landwehr hatte, sondern fast in derselben rohen Weise wie jede andere durch Werbungen rekrutirt wurde, und daß der König viel zu klug war, um seine eigenen Soldaten einer ähnlichen Behandlung Seitens eines übelgesinnten oder mächtigen Nachbarn auszusetzen.

Schon bei einer frühern Gelegenheit, im Anfang seiner Regierung, hatte der König, als die Holländer Truppen von Braunschweig mietheten, die Käufer mit Metzgern verglichen, welche nach Podolien wandern, um dort schwere Ochsen einzuhandeln. Eine ähnlich klingende gelegentliche Aeußerung findet sich in einem am 18. Juni 1776 an Voltaire geschriebenen Briefe Friedrich's, worin er diesem gegenüber die Ehre ablehnt, der Lehrer des Landgrafen von Hessen gewesen zu sein, der gerade einen Katechismus für Fürsten geschrieben und ihn Voltaire geschickt hatte. „Wäre der Landgraf — schrieb Friedrich — aus meiner Schule hervorgegangen, so würde er den Engländern seine Unterthanen nicht verkauft haben, wie man Vieh verkauft, um es auf die Schlachtbank zu schleppen.“ Der König nahm allerdings aus Haß gegen England unbedingte Partei für die Amerikaner und gefiel sich sogar dem englischen Gesandten gegenüber darin, deren Erfolge zu übertreiben oder die den englischen Waffen ungünstigen Berichte gehässig zu erläutern oder geschäftig zu verbreiten. Nur von diesem rein persönlichen Gesichtspunkte aus darf man daher seine Stellung in der Subsidienfrage beurtheilen.

Gleichwohl aber liegt in Friedrich's Worten und Maßregeln eine solche geistige Ueberlegenheit, und eine solche souveräne Verachtung der elenden Bereicherungsmittelchen der kleinen Reichsfürsten ausgedrückt, daß man sich den Jubel der Unterdrückten und die Freude der bei dem schmachvollen Handel Unbetheiligten sehr wohl erklären kann. Das Volk liebt es, seinen Helden seine eigenen besten Gedanken unterzuschieben, es macht sie zu Trägern seiner liebsten Wünsche und Hoffnungen. So wurde denn auch allmälich auf Grund von ein paar scharfen Aeußerungen, die der amerikanischen Revolution günstig waren und die geizigen und gierigen Fürsten brandmarkten, in Friedrich der Haß und die Verachtung aller denkenden Zeitgenossen gegen die Seelenverkäuferei verkörpert.

Der König von Preußen hatte, wie wir bereits gesehen haben, den bis zum Herbst 1777 durch sein Gebiet fahrenden und nach Amerika bestimmten Truppen so gut als keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt. Den ersten Anstoß dagegen nahm er an 308 anspacher Jägern und Rekruten, die am 31. Oktober jenes Jahres mit den neuen Uniformen für das erste Regiment in Stefft eingeschifft waren und Main und Rhein hinunterfahrend, am 15. November in Dortrecht eintreffen sollten. Der Markgraf dachte so wenig an Hindernisse irgend welcher Art, daß er am 16. Oktober, um seine durch die englischen Zahlungen verbesserte Vermögenslage zu genießen, mit seiner Maitresse Lady Craven nach Paris abgereist war, wo er sich während des Winters aufzuhalten gedachte. Unmittelbar vor seiner Abreise hatte er die an den Rhein gränzenden Staaten um freie Durchfahrt für seine Truppen gebeten und sich am 14. Oktober auch an den König gewandt. Er betrachtete diese Requisitionen als bloße Formsache und ließ deshalb auch seine Leute, ohne nur eine Antwort abzuwarten, marschiren. Pfalz, Mainz und Trier gaben am 5. und 6. November die gewünschte Erlaubniß und bewilligten zugleich Zollfreiheit für Mannschaft und Gepäck. Der Kurfürst von Mainz knüpfte an seine Genehmigung zwar die Drohung, daß er den anspacher Transport nach mainzer Landeskindern oder Deserteuren durchsuchen lassen werde. Da indessen der Oberst Schlammersdorff die letzteren am 7. November, als er bei Mainz vorbeifuhr, auf den Rath Gemmingen's versteckte, so fanden die mit der Durchsuchung beauftragten Mainzer Offiziere Niemanden und trennten sich nach einer gemüthlichen Kneiperei von ihrem neuen anspacher Freunde. So harmlos ließen nun der alte Fritz und seine Untergebenen nicht mit sich handeln. Der König schlug dies Mal ganz wider Erwarten das anspachische Gesuch rund weg ab. Sein Antwortschreiben, welches in der Gesammtausgabe seiner Werke nicht enthalten, noch überhaupt sonst irgendwo veröffentlicht ist, findet sich in den anspacher Manual-Akten. Es ist vom 24. Oktober 1777 aus Potsdam datirt und lautet wörtlich (das Original findet sich im Anhang) wie folgt:

„Ich gestehe Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, daß ich niemals an den gegenwärtigen Krieg in Amerika denke, ohne von der Gier einiger deutscher Fürsten unangenehm berührt zu werden, welche ihre Truppen einer sie gar nichts angehenden Sache opfern. Mein Erstaunen vergrößert sich, wenn Ich Mir die alte Geschichte und jene weise und allgemeine Zurückhaltung unserer Vorfahren in's Gedächtniß rufe, welche sie verhinderte, deutsches Blut für die Vertheidigung fremder Rechte zu vergießen und welche sogar als Gesetz in das deutsche Recht übergegangen ist.