Aber Ich merke, daß Mein Patriotismus Mich fortreißt und Ich komme auf das Schreiben Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht vom 14.d.M. zurück, welches ihn so stark angefacht hat. Sie verlangen darin die freie Durchfahrt für die Rekruten und das Gepäck, welches Sie Ihrem, im großbrittanischen Dienste befindlichen Truppen-Korps zuschicken wollen. Ich nehme Mir die Freiheit, Ihnen zu bemerken, daß wenn Sie dieselben nach England gelangen lassen wollen, Sie durchaus nicht nöthig haben, sie durch meine Staaten passiren zu lassen, sondern daß Sie dieselben einen kürzern Weg zum Einschiffungshafen einschlagen lassen können.

Ich unterbreite diese Ansicht dem Urtheil Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht, und Ich bin nicht weniger mit aller Zärtlichkeit, die Ich Ihnen schulde, mein Herr Neffe, Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht guter Onkel Friedrich.“

Dieser Brief gelangte in der ersten Woche des November nach Anspach. Gemmingen und Benckendorff, welche während der Abwesenheit des Markgrafen eine Art Regentschaft bildeten, erbrachen ihn, hielten es aber für das Beste, seinen Inhalt zunächst ganz zu ignoriren. Sie dachten offenbar, in Potsdam herrschte dieselbe Wirthschaft wie in Anspach, und die preußischen Minister könnten hinter dem Rücken des Königs thun und lassen, was Sie wollten. Sie schrieben also am 16. November noch einmal an Hertzberg und Finckenstein und baten, als ob der Markgraf noch keinen abschlägigen Bescheid vom König erhalten hätte, noch einmal dringend um endliche Gewährung des freien Durchzugs. „Der unerwartete Aufenthalt dieses Truppentransports — so motivirten sie ihr Gesuch wörtlich — wird der Hochfürstlichen Durchlaucht zu einem gar empfindlichen Schaden gereichen, zumalen Hochdieselbe, wie Ihro Königl. Majestät bereits bekannt ist, die Ueberlassung Ihro Trouppes in Königlich Großbritannischen Sold und Dienst bloß in der patriotischen Absicht bewilligt haben, durch die erlangenden Subsidien mehrere Landesschulden zu tilgen.“

Die königlich preußischen „verordneten wirklich Geheimde Estats-Räthe“, Finckenstein und Hertzberg antworteten aber am 22. November 1777, daß sie das Gesuch der anspachischen hochgeehrtesten Herren Sr. Majestät zwar gebührend mit ihrem Berichte vorgelegt, daß Höchstdieselbe aber befohlen habe, darauf zu erwidern, daß Sie bei der des Herrn Markgrafen Durchlaucht ertheilten Antwort beharre. Auch der englische Gesandte Elliot in Berlin, der sich in derselben Angelegenheit in Suffolk's Auftrag an den König gewandt hatte, erhielt dieselbe abschlägige Antwort mit dem Zusatze, daß die im vorigen Jahre unter den Rekruten vorgekommenen Unordnungen Se. Majestät veranlaßten, in Zukunft ähnlichen Transporten die Durchfahrt zu verweigern. Das durch einen solchen Zusatz motivirte Verbot klang wie ein Hohn, weil die Truppen damals gar nicht hatten an's Land gehen dürfen; allein es fiel wie eine Bombe unter die von ihm betroffenen englischen Agenten und deutschen Fürsten sammt ihren Ministern. Mit Recht schreibt Sir Joseph Yorke, als er diesen merkwürdigen Vorwand hörte, am 15. November 1777 an Rainsford: „Jedermann hat eine zu heilige Scheu vor Seiner Preußischen Majestät und schwebt vor ihr in zu großer Furcht, Leute auf der Passage durch ihr Gebiet zu verlieren, als daß er es wagen würde, dort irgend eine dem Könige mißfällige Handlung zu begehen.“ Expresse und Kouriere wurden jetzt aber schleunigst von einem Hofe zum andern geschickt, Noten gewechselt und Versuche bei dem preußischen Gesandten in Köln und dem Kommandanten von Wesel gemacht, damit sie ein Auge zudrückten; aber Alles war vergebens. „Bisher — ruft Faucitt aus — war der Rhein der ganzen Welt offen, jetzt wird er unerwartet und plötzlich geschlossen. Es ist zu spät, unsere Route zu ändern. In Minden droht dieselbe Unterbrechung. Ich habe sofort nach Berlin, Hanau, Anspach und Kassel geschrieben und Schlieffen gerathen, die Hessen an der Weser das preußische Gebiet umgehen zu lassen.“ In demselben Tone jammerte Cressener: „Zu Lande können die Truppen nicht marschiren, zudem ist es den Rhein entlang unmöglich, das preußische Gebiet nicht zu berühren, und dann werden die Boote mit den Uniformen doch in Wesel angehalten werden.“ „Wenn Ihr Hof — wehklagt der anspachische Oberst Schlammersdorff in seinem Briefe an Rainsford d.d. Bendorf 18. November 1777 — keine Mittel findet, den Entschluß des Königs von Preußen zu ändern, so ist Alles verloren, so sind wir ruinirt, denn es ist absolut unmöglich, zu Lande zu marschiren.“ Rainsford selbst, der bereits in Nimwegen auf die neue Zufuhr wartete, fand den Verzug um so unangenehmer, als die Transportschiffe schon in Holland eingetroffen waren, das Wetter ganz prachtvoll war und ein paar Tage hingereicht hätten, die Truppen einzuschiffen. Hier war also guter Rath theuer.

Inzwischen waren die anspachischen Truppen am 12. November nach Bonn gelangt, wo Oberst Schlammersdorff durch den englischen Gesandten Cressener mündlich und durch Oberst Faucitt schriftlich Kenntniß von dem Verbot des Königs erhielt. „Es ist somit — schreibt er am 13. November an Gemmingen — die Transportirung unmöglich 1. weil das preußische Gebiet doch nicht zu evitiren; 2. keine Requisitoriales für die Landmärsche ergangen sind, folglich die Einquartirung refusirt werden wird; 3. die Baggage nicht mit fortgebracht werden kann und 4. die Desertion inevitabel sein wird, wofür ich absolute nicht responsabel sein kann. Ich fahre also zurück nach Bendorf, um dort oder in Altenkirchen die Leute einzuquartiren. Ich habe per Estafette sofort Serenissimo Bericht nach Paris erstattet.“ Als die kurfürstlich kölnischen Behörden von dem preußischen Verbote hörten, wurden sie auch unangenehm. In Bonn wollten sie die Anspacher nicht länger dulden, und täglich fragte der dortige General Kleist höflich bei Schlammersdorff an, wann er abzufahren gedenke? Dieser verließ Bonn am 18. und traf am 19. November Abends in Bendorf ein.

Der Markgraf von Anspach besaß zu jener Zeit die seinem Vater im Jahre 1741 anerfallene Grafschaft Sayn-Altenkirchen mit der Stadt Bendorf (am rechten Rheinufer zwischen Neuwied und Ehrenbreitstein). Oberst Schlammersdorff gab, um dort Platz zu bekommen, dem Gouverneur der Grafschaft Befehl, die in Bendorf stehende Kompagnie tiefer in's Land zu legen. Als Schlammersdorff aber selbst nach Bendorf kam, fand er, daß die Stadt keine Wälle hatte, daß er also seine Leute nicht sicher bewachen konnte. Er beschloß deshalb, dieselben in den Booten zu behalten und diese mit Oefen zu versehen, die Soldaten aber von Zeit zu Zeit truppweise unter Aufsicht an's Land zu lassen, damit sie sich Bewegung machen und erholen könnten. So lagen sie etwa vier Wochen lang Bendorf gegenüber auf dem Rhein. Ihnen zur Seite hatte sich ein hanauer Transport von etwa 250 Rekruten gelagert, welcher am Rheinfels von dem preußischen Verbote benachrichtigt und jetzt auf Wunsch des Erbprinzen zu den Anspachern gestoßen war, nachdem dieser sich feierlich verpflichtet hatte, alle Bedürfnisse für seine Leute baar zu bezahlen. Diese nach Anspach oder Hanau zurückzuschicken, durften der Markgraf und Erbprinz nur im alleräußersten Nothfall wagen, weil sie sich dadurch den Markt für die Zukunft verdorben, die Desertion befördert und zugleich die englischen Subsidien und Löhnung geschmälert hätten.

Die Schlammersdorff'sche Korrespondenz mit Gemmingen wirft einige interessante Streiflichter auf die Mittel, welche während jener Zeit zur Aufrechterhaltung der Zucht und zur Verhinderung der Desertion der Soldaten für nöthig erachtet wurden.

„Es ist nicht thunlich, — schreibt Schlammersdorff am 20. November 1777 — die Leute in Bendorf einzuquartieren. Es sind keine Häuser dafür vorhanden; das Rathhaus, das größte Gebäude, faßt nicht mehr als 60 Mann. Ich werde deshalb meine Leute so lange als möglich auf den Schiffen halten. 24 Mann vom Altenkirchener Kontingent und 6 Jäger sind hier, die mir das Ufer garantiren. Meine Leute fangen an, mürrisch zu werden; sie fürchten sich vor der Rückkehr nach Anspach. Nach Altenkirchen zu marschiren, dauert zwei Tage; ich muß in einen geschlossenen Ort. Aus meinem Beutel habe ich für etwa 80 fl. den Leuten dann und wann Gemüse, Fleisch, Bier und Taback reichen lassen, um sie gut zu erhalten bei dieser äußerst unangenehmen, naßkalten Saison. Hingegen konnte ich bis vor zwei Tagen Alles mit sie machen, ohnerachtet ich in Fällen rigid strafe. Allein seit gestern muß ich sehr auf meiner Hut sein. Gott gebe eine baldige Aenderung in dieser Lage! Es ist zum rasend werden! Auf den Schiffen — heißt es am 29. November weiter — ist Alles gesund und noch ruhig. An Peroriren, Schlagen, Viktualien-Präsenten und Krummschließen lasse ich es nicht fehlen, um den Klumpen in der sehr rauhen Witterung in Ordnung zu halten. Meine Nachbarn, die Hanauer, haben schon 23 Kranke, worunter viele mit hitzigem Seitenfieberstechen. Ich will hier bleiben und nicht nach Altenkirchen marschiren. Es ist zehn Stunden von hier entfernt; wir müssen also zwei Märsche dahin machen. Zur Nachtstation ist nur Diersdorf geeignet, die Residenz des regierenden Grafen, quaeritur, ob er uns einnimmt, und wenn er es thut, wie viel wird man nicht für das bloße Nachtquartier zahlen müssen? Dann ist der Ort Diersdorf mit kaiserlicher, preußischer, französischer und holländischer Werbung angefüllt. Die Soldaten werden unruhig — fährt Schlammersdorff am 8. Dezember fort — Gestern Abend nach dem Zapfenstreich wurde mir entdeckt, daß zwei Mann Komplot gemacht, zu desertiren, und den Dritten, als den Denunzianten mit haben wollten. Diese wurden nun sogleich in die Eisen geworfen und heute verhört. In der Nacht um ein Uhr sind aber von der Hauptwache zwei Mann vom Posten mit Ober- und Untergewehr desertirt, worunter ein Mainzer, sechs Zoll messend, die Kanaille, die mich damals, als wir Mainz passirten, bat ihn zu verbergen. Was auch kommen mag, die Desertion bleibt unvermeidlich. Etliche 20 bis 30 Mann, verdächtige liederliche Pursche, sind beim ganzen Transport. Wie wäre es, wir bäten den Erbprinzen von Hanau um Quartiere im Winter? Wir müßten unseren Leuten nur den englischen Sold geben (Serenissimus gab ihnen natürlich nur den anspachischen und steckte die gestohlene Differenz in seine Tasche). Die Verhöre haben ergeben — schließt Schlammersdorff seine Berichte am 12. Dezember 1777 auf dem Rhein unweit Koblenz — daß 3–4 Mann desertiren wollten. Gottlob, daß nicht mehr mitimplizirt waren! Zwei Jäger und drei Musketiere habe ich aber der altenkirchener Mannschaft geschlossen mitgegeben zur Bewahrung bis auf weiteren Befehl, und damit solche nicht noch größeres Unheil anstellen. Den Knichtel aus dem Bayreuthischen und den Hubel, ein schöner, junger, großer Pursch, der von die andere Kanaille verführt worden, den habe ich wieder losgelassen. Einen französischen Werber vom Regiment Anhalt, der gleich andern Tages nach meiner Ankunft vor Bendorf an das Ufer kam und einer Soldatenfrau ein Goldstück versprach, wenn sie ihm etliche schöne Pursche brächte, habe, sobald die Frau es mir angezeigt, aufsuchen, arretiren und in die Eisen schmeissen lassen.“

Die Verhandlungen mit der englischen Regierung hatten schließlich dahin geführt, daß die Hanauer und Anspacher in Hanau überwintern sollten, welches, wie Cressener zur Beruhigung an Suffolk schrieb, befestigt war, so daß die Desertion verhindert werden konnte. Jene trafen am 16. Dezember in letztgenannter Stadt ein; diese zwei Tage später. Beim Abmarsch wurde um Bendorf ein Kordon von 40 Jägern und 12 Altenkirchener Musketieren gezogen und das Ufer links zur Abfahrt besetzt gehalten. So ging Alles gut von Statten.

Während der hier geschilderten, die letzte Hälfte des November und die erste Hälfte des Dezember 1777 einnehmenden Vorgänge hatten sich die englischen diplomatischen Agenten und Gesandten, sowie die betreffenden beiden deutschen Fürsten den Kopf darüber zerbrochen, wie sie die also aufgehaltenen Soldaten am schnellsten und sichersten an's Meer schaffen könnten. Es gab nur zwei Wege, sich aus dieser Verlegenheit zu ziehen. Entweder marschirten sie auf dem linken Rheinufer über Aachen und Mastricht nach Holland und wurden hier zu Wasser nach einem dortigen Hafen geschafft, oder sie wandten sich auf dem rechten Rheinufer durch die jetzige preußische Provinz Hessen-Nassau bis zur Weser und fuhren von da nach Bremerlehe.