„Der Markgraf von Anspach-Brandenburg — meldet Cressener am 26. November 1777 — hat nach Berlin geschrieben und den König um Erlaubniß der ungehinderten Passage für seine Truppen gebeten, da er sonst zu viel verlieren werde. Ich erwarte aber keinen Erfolg von diesem Schritte. Der König von Preußen, der sagt, seine Freundschaft für uns habe sich nicht verändert, aber mittelst eines kleinen Umweges könnten die von uns gemietheten Mannschaften doch an das Ziel ihrer Bestimmung gelangen, giebt uns mit dieser Erklärung einen Fußtritt und bittet dabei mit lächelnder Miene, wir möchten diesen Tritt nicht als einen Bruch seiner Freundschaft betrachten. Wenn er uns nur einen Weg auf der Karte zeigen wollte, wie wir an's Meer kommen können! Es bleibt uns nur übrig, entweder die Truppen zurückzuschicken, oder sie über Aachen nach Holland marschiren zu lassen. Der Weg über Lechenich, Düren, Eschweiler und Aachen ist der kürzeste und leichteste; die Truppen brauchen dann nur kölner, pfälzer, aachener und General-Staaten-Gebiet zu berühren. Von hier über Düren nach Aachen ist nicht über achtzehn Meilen (?), von Aachen nach Mastricht sieben Meilen, von da nach Herzogenbusch zweiundzwanzig Meilen, zusammen also siebenundvierzig Meilen. Endhofen, welches auf dem geraden Wege nach Herzogenbusch liegt, gehört zwar der Kaiserin, kann aber leicht umgangen werden. Mastricht ist die einzige Festung, die im Wege liegt. Um Desertion zu verhindern, können der Markgraf und Erbprinz zur Begleitung und Bewachung der Truppen die erforderliche Anzahl von Subaltern-Offizieren und Soldaten schicken.“
Schlammersdorff weigerte sich aber entschieden, diesen langen Landweg einzuschlagen, da er bei dem Mangel an Bedeckungsmannschaften und in der gefährlichen Nähe der Festung Mastricht nicht dafür stehen könne, daß er mit fünfzig Mann in Nimwegen ankommen werde. Auch Cressener ließ diesen Plan fallen, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gefahr der Desertion in hohem Grade vorhanden. „Denn ich weiß — so schloß er seinen Bericht vom 1. Dezember an Suffolk — aus was für Volk seine Rekruten bestehen.“
Es handelte sich also zunächst darum, vom rechten Rheinufer bis an die Weser und auf ihr an's Meer zu gelangen. „Ich habe — berichtete Faucitt aus Hannover am 21. November an Suffolk — die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, daß die Anspacher und Hanauer von Bendorf nach Münden und von dort, mit Vermeidung des preußischen Gebietes bei Minden, nach Bremerlehe geschafft werden. General von Hardenberg hat mir einen in diesen Dingen sehr erfahrenen Offizier, den Hauptmann von Wangenheim, beigegeben, der sofort nach Bendorf gehen und unterwegs alle Anordnungen für den ungehinderten Durchzug der Truppen treffen wird. Die Transportschiffe müssen also nach Bremerlehe fahren. Ich habe die endgültige Entscheidung über meinen Plan Sir Joseph Yorke überlassen. Der Haupteinwand, der sich dagegen machen läßt, ist die Gefahr der Desertion. Ich glaube ihr dadurch vorgebeugt zu haben, daß ich dem kommandirenden Offiziere anbefohlen habe, aus den besten und sanftesten Rekruten eine Art Eskorte zu bilden, ihnen eine außerordentliche Belohnung für ihre Treue und ihr gutes Verhalten auf dem Marsche zu sichern und sie für den Eifer zu beloben, den sie zeigen werden, um ihre Kameraden von der Desertion abzuhalten und Unordnungen zu verhindern. Sollte Frost eintreten, so können die Truppen, wenn sie einmal im Kurfürstenthum sind, in Nienburg oder Stade untergebracht werden, was mir General Hardenberg auch versprochen hat.“
Faucitt berechnete die Entfernung von Bendorf über Montabaur (Trier), Weilburg (Nassau), Wetzlar (freie Reichsstadt), Marburg (Hessen-Kassel), Gesberg und Fritzlar (Mainz), und Kassel nach Münden auf 26½ Meilen und zwölf Marschtage nebst fünf Ruhetagen, bis Bremerlehe aber auf im Ganzen vierzig Marschtage und zehn Ruhetage, während nach seiner Berechnung der Weg über Düren bis Herzogenbusch nur sechszehn Tagemärsche in Anspruch nahm. Diese Entfernungen wären übrigens der geringste Nachtheil gewesen; ein viel größerer bestand in der von den betreffenden Fürsten zu erlangenden Erlaubniß zum Durchmarsche durch ihr Gebiet. Nur unter dieser Bedingung und Voraussetzung genehmigte Yorke den Faucitt'schen Vorschlag.
Anfangs ließen sich die Aussichten gut an. Man hätte glauben sollen, daß der Landgraf von Hessen-Kassel als englischer Soldaten-Lieferant gar nicht weiter befragt worden wäre, allein er war so eifersüchtig auf seine Rechte, daß Faucitt, der sogar ein Verbot des Durchzuges der Hanauer befürchtete, sich an ihn, wie an jeden andern Fürsten, um freie Passage wenden mußte. Es waltete hier nämlich noch eine besondere, und zwar höchst lächerliche Schwierigkeit ob. Der Landgraf stand seit 1754 mit seinem Sohne, dem Erbprinzen und Grafen von Hanau auf gespanntem Fuße und hatte ihn seit dieser Zeit nicht gesehen, ja selbst sein Name, wie überhaupt die souveraine Grafschaft Hanau durfte bei Vermeidung des allerhöchsten Mißfallens vor dem Serenissimus nicht genannt werden. Der Landgraf gestattete zwar in einer höflichen Antwort an Faucitt den Durchmarsch der hanauer und anspacher Rekruten und Jäger durch „seine Staaten“, bestand aber ausdrücklich darauf, daß sie unter dem Namen Anspacher gehen mußten, und daß sie Kassel nicht berühren durften. Er ertheilte demnach freie Passage für 534 Anspacher, obgleich sie für 234 Hanauer und 300 Anspacher verlangt worden war. Die anderen Souveraine waren aber nicht so gefällig als der Landgraf. Der Kurfürst von Trier gab die Erlaubniß nicht. Als die von den Hanauern vorausgeschickten Quartiermeister in Montabaur ankamen, wurden sie vom Magistrat der Stadt abgewiesen, weil sie sich nicht ausweisen konnten. Auch die freie Reichsstadt Wetzlar wollte die Rekruten nicht durch ihr Gebiet ziehen lassen. Man befürchtete eben von ihnen Exzesse, für welche weder die englische Regierung, noch ihre deutschen Lieferanten aufkommen wollten. So ließ man den Plan ganz fallen.
Im Februar 1778 wurde man endlich mit Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt über eine neue Marschroute einig, so daß in der letzten Woche dieses Monats die Anspacher und Hanauer ihr zeitweiliges Quartier Hanau verlassen konnten. Faucitt nahm ihnen hier den Eid der Treue für den König von England ab, weil dieser Akt einen mächtigen Eindruck auf die Rekruten mache und die Desertion auf dem Marsche verhindere. In der That war diese äußerst gering, was aber wohl hauptsächlich der tüchtigen Führung durch erfahrene Offiziere zu verdanken war. Zudem ließ zur größern Vorsicht der Erbprinz den Transport durch ein Korps seiner Haustruppen bis Münden eskortiren. Der Weg ging von Hanau über Windecken, Friedberg, Butzbach, Gießen, Marburg, Felsberg, Münden und Hannover nach Nienburg, wo die Truppen am 8. März eintrafen und auf die für Bremerlehe bestimmten englischen Transportschiffe warten mußten. Erst am 23. März konnten sie in Nienburg weiter nach Bremerlehe eingeschifft werden; von hier fuhren sie am 8. April nach Portsmouth ab. Diesen Hafen verließen sie am 24. Mai, aber erst am 8. September 1778 kamen sie in Newyork an. Die Unglücklichen hatten Anspach und Hanau in den letzten Tagen des Oktober resp. ersten Tagen des November 1777 verlassen, waren also im Ganzen länger als zehn Monate unterwegs gewesen.
Natürlich hatte die englische Regierung die Kosten für alle diese unvorhergesehenen Zwischenfälle zu tragen. Suffolk gab schon Ende Dezember 1777 Anweisung an Faucitt, Alles, was recht und billig sei, zu berichtigen. „Wir müssen den Markgrafen und Erbprinzen natürlich entschädigen — schrieb er am 23. Dezember an Faucitt — Sie hätten sich das selbst wohl denken und dieserhalb nicht lange Briefe an mich schreiben lassen sollen. Thun Sie also, was verständig ist. Zahlen Sie alle nothwendigen Ausgaben, welche wir ohnehin gehabt haben würden, wenn die Einschiffung stattgefunden hätte, binden Sie sich aber nicht die Hände für die Zukunft. Ist Gefahr vorhanden, daß wir die Leute bis zum Frühjahr nicht einschiffen können, so lassen Sie die Kerle laufen und bezahlen Sie dieselben bis auf den letzten Tag.“ Offenbar, um sich zu entschuldigen, erklärte Faucitt in seiner Antwort vom 8. Januar 1778 aus Hannover, daß die Fürsten von Anspach und Hanau die maßlosesten Ansprüche erhoben hätten. „Die außerordentliche Aengstlichkeit — schrieb er — womit Gemmingen und Malsburg, die Minister von Anspach und Hanau, ihre Entschädigungsforderungen bei mir geltend gemacht haben, erschien mir so unanständig und unbegründet, daß ich nicht umhin konnte, ihnen ernstlich den Kopf zu waschen. Seitdem ist der Ton ihrer Briefe ein anderer und athmet nichts als Unterwürfigkeit und Zufriedenheit.“ Das gerade Gegentheil war der Fall. Statt unterwürfig zu sein, traten die Minister, namentlich Gemmingen, seit sie das Spiel in der Hand hatten, sehr selbstbewußt und positiv fordernd auf; Faucitt aber hielt es im Interesse seiner Aufgabe für das Beste, sich ihnen stets willfährig und entgegenkommend zu zeigen. Statt übermäßige Forderungen zu erheben, verlangten die Minister von Anspach und Hanau nur den Ersatz der Transport- und Unterhaltungskosten der Truppen während des Winters; Malsburg im Ganzen 1600 Pfund Sterling, Gemmingen bei der größern Entfernung und längern Zeitdauer etwas mehr. Faucitt gab das selbst zu, indem er am 30. Januar 1778 von Hanau aus an Suffolk schrieb, daß die Rechnungen billig seien und daß sich anständiger Weise nichts davon abziehen lasse.
Von jetzt an legte Friedrich der Große den Soldatenhändlern keine Hindernisse mehr in den Weg; die Beförderung der Truppen an den Ort ihrer Bestimmung konnte also ohne Umwege erfolgen. Die Baggage ließ er ebenfalls ungehindert passiren und sogar den im Herbst 1777 von seinen Beamten auf die Uniformen und das Gepäck der Anspacher erhobenen Zoll von 600 Dukaten niederschlagen.