Am Lästigsten waren übrigens die Nachtheile, welche das Verbot des Königs von Preußen für die zerbstischen Truppen nach sich zog. Die preußischen Minister, an welcher sich die zerbster Behörden um Aufhebung desselben gewandt hatten, erwiderten ihnen am 20. November höhnisch, daß nachdem Anspach und Hanau mit ihren Gesuchen um den Durchmarsch durch preußisches Gebiet abgewiesen worden seien, auch Zerbst nicht besser behandelt werden dürfe, und gaben den wohlfeilen Rath, das zerbster Regiment auf einem kleinen Umwege durch den Harz nach dem Kurfürstenthum Hannover marschiren und von da an den Ort seiner Bestimmung gelangen zu lassen. „Da der König von Preußen — schreibt Faucitt am 27. November 1777 an Suffolk — auf seiner Weigerung besteht, so muß das zerbster Regiment Stade oder Bremerlehe auf Umwegen durch Sachsen, Braunschweig und Hannover zu erreichen suchen; allein bis es so weit sein wird, haben wir Frost und sind die Flüsse gefroren. Ich weiß nicht, welcher Ursache ich diese plötzliche Maßregel des Königs zuschreiben soll, es müßte denn die sein, daß seine Werbeoffiziere sich neuerdings vielfach darüber beschweren, daß sie keine Rekruten mehr bekommen können und daß so viele preußische Soldaten desertiren, um sich für Amerika anwerben zu lassen. Namentlich haben die Hessen viele Deserteure aus Preußen aufgefangen und die Weser hinuntergeschmuggelt. Im Ganzen ist aber ihre Zahl zu unbedeutend, als daß sie den Gegenstand ernstlicher Erörterungen bilden könnten, zumal es unter den deutschen Fürsten als erlaubt gilt, einander Unterthanen und Soldaten abzufangen und zu verführen.“

Suffolk hielt es unter diesen Umständen für das Gerathenste, den Abmarsch der Zerbster bis zum Frühjahr zu verschieben, und wies Faucitt an, sich in diesem Sinne mit der dortigen Regierung zu verständigen. Der zerbster Fürst mußte sich also in sein Schicksal fügen und gedulden. Er wüthete in seinen Briefen barocker denn je; sein Haß gegen Preußen erreichte jetzt die höchste Spitze. Der Selbstherrscher aller Zerbster wandte sich sogar an die Selbstherrscherin aller Reußen, um sie zur Intervention gegen Friedrich den Großen zu veranlassen, allein Katharina von Rußland erklärte Preußen weder den Krieg, noch erwirkte sie für ihres Bruders Truppen die Oeffnung des preußischen Theils der Elbe. Uebrigens war für Friedrich August die Gefahr des Verlustes durch Desertionen größer als bei jedem andern Soldatenhändler, weil er im eigenen Lande so gut wie gar nicht werben konnte und für seine Leute fast ausschließlich auf das deutsche Ausland, bei dem damaligen längst fühlbaren Mangel an tauglichen Subjekten aber vorzugsweise auf Menschenraub und Zwang, List, Betrug und Gewalt angewiesen war. Sobald Serenissimus sein in dieser Weise zusammengebrachtes Regiment unter gehöriger Bewachung direkt bis an's Meer schaffen lassen konnte, erlitt er verhältnißmäßig geringe Verluste; ein langes Müßigliegen in offenen, unbefestigten Garnisonsorten drohte ihm aber mit unerhörter Desertion und Widersetzlichkeit. Noch vor Weihnachten brach denn auch unter den Soldaten eine Meuterei aus. Es sollten ein paar Dutzend Zerbster Kavalleristen, um das nach Amerika bestimmte Infanterie-Regiment zu verstärken, in dieses gesteckt werden. Sie nahmen aber die Maßregel als Beleidigung auf und empörten sich, bei welcher Gelegenheit einige Offiziere gefährlich verwundet wurden. Die Meuterer flohen, nachdem sie überwältigt waren, zum Theil nach Sachsen, wo ihnen natürlich niemand etwas anhatte. Bei einer andern Gelegenheit machte sich sogar ein Lieutenant mit seinem ganzen Kommando von fünfzig Mann aus dem Staube und ging ebenfalls nach Sachsen.

Endlich war der Winter überstanden und das zerbstische Regiment trat, 841 Mann stark, am 21. Februar 1778 seinen Marsch, wie die preußischen Minister höhnisch gerathen hatten, durch den Harz und Hannover nach Stade an. Als es am nächsten Tage die Elbe erreicht hatte, ließ der Oberst halten; die Sappeure mußten ihre Aexte in die Brückengeländer einhauen und das Ganze einen Kreis bilden. Der Kommandeur ließ hierauf die Kriegsartikel noch einmal verlesen und dann beschwören; darauf hielt er eine geharnischte Anrede und warnte namentlich vor den preußischen Werbern. Er drohte, daß derjenige, der dawider handle und ertappt werden würde, sofort erschossen werden solle; aber trotzdem desertirten schon an demselben Tage der Regiments-Tambour, ein Feldwebel, ein Korporal und einige Soldaten. Weiterhin wurden deshalb die Städte und Flecken auf dem Marsche möglichst umgangen, um weitere Desertionen zu verhüten, da die Entwichenen überall rege Hülfe und Theilnahme fanden. Um das Betreten des preußischen Gebietes zu vermeiden, ging die Marschroute über Dessau (Anhalt), Merseburg, Laucha, Birchlingen (Kursachsen), Greußen (Sondershausen), Mühlhausen (freie Reichsstadt), Duderstadt (Kurmainz), Eimbeck (Hannover), und von da durch's Braunschweigische wieder durch Hannover nach Stade.

Trotz der strengen Ueberwachung und der angedrohten Todesstrafe kamen noch täglich Desertionen und allerlei Exzesse vor. Im Dorfe Zeulenrode entsprang ein Mann, der von einem Korporal verfolgt wurde, und lief in's Wirthshaus. Ohne weiter nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirthsstube hinein, wo die Kugel die ruhig dasitzende Wirthin traf, so daß diese sofort todt zu Boden sank. Durch diese Gewaltthätigkeit wurden die Bauern sehr aufgebracht. Als die Baggage nachkam, bei der sich ein Oberlieutenant befand, kam es erst zu einem Wortwechsel und dann zu Thätlichkeiten, wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am andern Tage zu Stadtworbis starb. Die Bauern, durch deren Dörfer der Transport ging, nahmen auch anderwärts Antheil an dem Schicksal der nach Amerika bestimmten Soldaten und verschafften ihnen überall Gelegenheit zu entkommen. In Greußen kam es mit den preußischen Werbern, die hier Geschäfte machen wollten, zu einer Schlägerei, wobei auf beiden Seiten viel Blut floß.

Am 3. März meldete der Oberst Rauschenplatt dem damals in Hannover weilenden Faucitt, daß er in den ersten zehn Tagen nach dem Abmarsch durch Desertion nicht weniger als dreihundertvierunddreißig Mann verloren habe. Am 21. März waren sogar nur noch 494 Mann bei der Fahne.

„Was soll ich thun — fragte Faucitt am 23. März 1778 bei Suffolk an — wenn die Uebrigbleibenden nicht mehr stark genug sind, um ein Bataillon daraus zu bilden? Die Lücken sind zu groß, als daß sie zur rechten Zeit ausgefüllt werden könnten. Ich fürchte, daß der größte Theil des Regiments vor der Ankunft in Stade desertirt sein wird. Ich hoffe, aus den Resten wenigstens noch ein Bataillon formiren zu können. Die Zerbster fanden übrigens überall in Sachsen schlechte Aufnahme, waren täglich von den Werbe-Offizieren verschiedener Fürsten umgeben, die in Verbindung mit den Eingeborenen des Landes jedes Mittel benutzten, um die Soldaten zu verführen. In ähnlicher Lage würden die besten Truppen gelitten haben.“

Yorke bestätigte im Wesentlichen Faucitt's Schilderung und nahm sich des Zerbster Fürsten warm an. „Seinen Bemühungen — schreibt er d.d. Haag, 7. April 1778 — des Königs Schutz und Freundschaft zu verdienen, ist von so vielen Seiten entgegengewirkt, daß ich es meinem persönlichen Verhältniß zu ihm schuldig bin, den gegenwärtigen Stand der Angelegenheit zu melden. Des Königs von Preußen Weigerung, die zerbstischen Truppen durch sein Gebiet passiren zu lassen, (obgleich rechtlich nichts dagegen gesagt werden kann) veranlaßte den Fürsten, sich an den russischen Hof zu wenden, damit dieser seinen Einfluß in Potsdam geltend mache; aber ich weiß nicht, ob diese Bitte irgend welchen Erfolg gehabt hat. Inzwischen setzte der Fürst, da es bei der vorgerückten Jahreszeit mit der Einschiffung zu spät geworden sein würde, seine Truppen in Bewegung, ohne ein vorheriges Uebereinkommen mit England wegen eventueller Entschädigung getroffen zu haben, und schickte sie durch Kursachsen auf Umwegen nach Hannover. Auf diesem Marsche waren sie jeder Chikane und Schwierigkeit ausgesetzt, sowohl seitens der Preußen als Sachsen und bei mehr als einer Gelegenheit haben sich seine Offiziere ihren Weg erkämpfen müssen. Sie bewiesen dabei große Entschiedenheit und Tapferkeit. Natürlich war die Desertion sehr stark; ich wundere mich überhaupt, daß nur noch Soldaten beisammen blieben; die übrig gebliebenen sind aber wahrlich nicht schlecht. Seit Ankunft im Kurfürstenthum Hannover hat die Desertion aufgehört, und mit Hülfe der von Jever geschickten Rekruten ist immer noch ein gutes Bataillon zusammen zu bringen. Ich trete für den Prinzen ein und hoffe, daß angenommen werde, was er mit so großer Mühe, Kosten und Gefahr an's Meer geschafft hat. Ich thue es um so mehr, als ich höre, daß die Transportschiffe für die Zerbster zurückbeordert sind; es wäre eine zu große Enttäuschung für den Fürsten, wenn er nicht endlich angenommen werden sollte. Viel Gewinn bleibt doch für ihn nicht übrig.“

Suffolk bedauerte, daß die Zerbster so viele Leute verloren hatten, daß sie kaum noch in Betracht kämen und befahl Faucitt, sie sammt und sonders wieder nach Hause zu schicken, wenn er nicht wenigstens ein Bataillon aus ihnen formiren könne. Die für sie bestimmten Transportschiffe wurden sogar abbestellt. Indessen gelang es dem Obersten Rauschenplatt und den mit den seinigen vereinten Bemühungen seines Bruders, des Majors Rauschenplatt, den auf weniger als ein Bataillon zusammengeschmolzenen Bestand seines Regimentes in Jever und Nachbarschaft auf 625 Mann, einschließlich der Offiziere, zu erhöhen, sodaß Faucitt keinen Anstand nahm, sie in den englischen Dienst einzumustern. Er ließ sie am 22. April in Stade einschiffen. Erst nachdem dies geschehen, schloß er am 23. April 1778 den Vertrag mit den Bevollmächtigten des Fürsten ab, die sich selbstredend jede von dem englischen Kommissär beliebte Bedingung gefallen ließen.

Dieser Vertrag wurde am 12. Mai 1778 dem englischen Parlament vorgelegt und am 13. Mai von ihm genehmigt. Er stimmt im Wesentlichen mit dem anspacher überein, sodaß wir uns wegen seiner näheren Bestimmungen füglich auf diesen beziehen können.

Das Regiment kam nach einer überraschend schnellen und günstigen Fahrt in den letzten Tagen des Mai vor Quebeck an. Die große Freude, das ersehnte Ziel so glücklich erreicht zu haben, wurde plötzlich in bittern Verdruß verwandelt, als den Zerbstern das Ausschiffen vom Gouverneur untersagt wurde. Durch eine grobe Nachlässigkeit der englischen Behörden, wie solche so häufig vorkam, hatte man vergessen, den britischen Befehlshaber von der Ankunft dieses Regiments zu benachrichtigen, der nicht wenig dadurch überrascht wurde und, so nöthig er diese Verstärkung auch hatte, auf diese dennoch so lange verzichten zu müssen glaubte, bis er von der britischen Regierung die weiteren Instruktionen erhalten haben würde. Am übelsten war der Oberst von Rauschenplatt daran, der auf dieses fatale Intermezzo ebenso unvorbereitet war. Als ihn der Gouverneur, trotz aller Versicherungen und Betheuerungen nicht an's Land lassen wollte, schickte er endlich mit der nächsten Schiffsgelegenheit seinen Quartiermeister Pannier direkt nach London, um über diese Vernachlässigung Beschwerde zu führen und die weiteren Weisungen des Ministeriums einzuholen. Erst Anfang August kehrte Pannier wieder zurück. Die armen Zerbster hatten demnach gegen drei Monate nutzlos und unthätig und Angesichts der Stadt Quebeck in den engen und ungesunden Schiffsräumen aushalten müssen.