Deutsche, wer hat Euch diese Kampfwuth, diese barbarische Mordlust, diese abscheuliche Hingebung an die Tyrannei eingeflößt?.... Nein! ich will Euch nicht mit den fanatischen Spaniern vergleichen, die aus Lust an der Zerstörung zerstörten, die sich in Blut badeten, als die erschöpfte Natur ihre unersättliche Habgier einer noch wildern Leidenschaft Platz zu machen zwang. Edlere Gefühle und leichter zu entschuldigende Irrthümer mißleiten Euch. Diese Treue gegen Eure Fürsten, welche schon Eure Vorfahren auszeichnete; diese Gewohnheit zu gehorchen, ohne zu bedenken, daß es Pflichten gebe, die heiliger sind als der Gehorsam und welche allen übrigen vorangehen; diese Leichtgläubigkeit, welche Euch der Leitung einiger unüberlegter und ehrgeiziger Männer folgen heißt — das sind Eure Fehler; aber sie werden zu Verbrechen, wenn Ihr nicht am Rande des Abgrundes inne haltet. Schon sind sich Eure Landsleute, die Euch vorangegangen, ihrer Blindheit bewußt und die Wohlthaten dieses Volkes, das sie noch vor kurzer Zeit abschlachten halfen und welches sie jetzt, wo es nicht mehr das Schwert des Henkers in ihren Händen sieht, wie Brüder behandelt, erschweren ihre Gewissensbisse und vervielfältigen ihre Reue.
Zieht Nutzen aus ihrem Beispiele, Soldaten! Denkt an Eure Ehre, denkt an Eure Rechte! Habt Ihr nicht denselben Anspruch darauf wie Eure Fürsten? Ja, ohne Zweifel, aber diese Wahrheit ist noch nicht genug ausgesprochen. Menschen stehen höher als Fürsten, die größtentheils dieses Namens nicht würdig sind. Ueberlaßt es ehrlosen Hofschranzen und Gotteslästerern, die königlichen Vorrechte und deren Unbeschränktheit zu preisen, und vergeßt nicht, daß Alle nicht für Einen gemacht wurden, daß es eine höhere Macht giebt als fürstliche Macht, daß der, welcher ein Verbrechen zu begehen befiehlt, keinen Gehorsam verdient und daß mithin Euer Gewissen der höchste unter Euren Herrschern ist. Fragt dieses Gewissen, und es wird Euch sagen, daß Ihr Euer Blut nur für das eigene Vaterland vergießen sollt, daß es abscheulich ist, einige tausend Meilen weit zu gehen, um Leute niederzumetzeln, die kein anderes Verhältniß zu Euch kennen als ein solches, das ihnen Euer Wohlwollen sichern sollte.
Das Mutterland giebt vor, einen gerechten Krieg zu führen, während es sich selbst erschöpft, um seine Kinder zu verderben. Es verlangt seine Rechte und will dieselben nur mit dem Donner der Schlacht besprechen. Aber habt Ihr diese Rechte — mögen sie nun wohl begründet sein oder nicht — geprüft? Steht es Euch zu, in dieser Streitsache zu Gericht zu sitzen? Steht es Euch zu, das Urtheil zu fällen oder es zu vollstrecken? Und worauf laufen diese leeren Ansprüche, die so zweifelhaft sind und so viel bestritten wurden, am Ende hinaus? Der Mensch hat überall, in der ganzen Welt ein Recht auf Glückseligkeit. Dies ist das höchste Gesetz, dies ist der beste Rechtsanspruch. Kolonisten ziehen nicht hinaus und bebauen wilde Gegenden, vermehren die Macht und vergrößern den Ruhm des Mutterlandes, um von diesem unterdrückt zu werden. Und wenn sie unterdrückt werden, so haben sie ein Recht, das Joch abzuschütteln, denn das Joch wurde nicht für den Menschen gemacht.
Und wer sagte Euch, daß die Engländer das Aechtungs-Urtheil, das über die Amerikaner gesprochen wurde, unterzeichnet haben? Wackere Deutsche! Schmäht nicht durch einen solchen Verdacht eine Nation, die große Männer und vortreffliche Gesetze hervorgebracht, die das heilige Feuer der Freiheit so lange in ihrem Busen genährt hat und deshalb Achtung und Rücksicht verdient. Ach! Auf den britischen Inseln wie überall in der Welt wiegelt eine kleine Zahl ehrgeiziger Menschen das Volk auf und führt allgemeines Unglück herbei. Die Engländer wurden unglücklicher Weise in einen Krieg mit ihren Brüdern verwickelt, weil auch unter ihnen der Despotismus seit einigen Jahren mit Erfolg die Freiheit bekämpfte. Schmeichelt Euch nicht mit dem Gedanken, daß Ihr die Sache der Engländer vertheidigt. Ihr kämpft nur für die Vergrößerung der Macht gewisser Minister, welche sie verachten und verabscheuen.
Wollt Ihr die wahren Beweggründe kennen lernen, welche Euch die Waffen in die Hand gaben? Eitler Luxus und übermäßige Verschwendung haben die Finanzen der Fürsten, die Euch beherrschen, zu Grunde gerichtet. Ihre Hülfsquellen sind erschöpft und das Vertrauen ihrer Nachbaren haben sie zu oft getäuscht, als daß sie sich von Neuem an sie wenden könnten. Um es wiederzugewinnen, müßten sie auf jene verschwenderischen Ausgaben und auf die tollen Genüsse verzichten, deren Befriedigung ihre wichtigste Beschäftigung ist. Dazu können sie sich nicht entschließen, das wollen sie nicht thun. England braucht Soldaten und Geld und kauft beides zu theueren Preisen. Eure Fürsten beuten dieses augenblickliche Bedürfniß mit der größten Gier aus; sie heben Truppen aus, verkaufen sie und liefern sie ab. Das ist die Bestimmung Eurer Armee, dies das Ziel, dem Ihr entgegen geht. Euer Blut ist der Preis der Verderbtheit und der Spielball des Ehrgeizes. Das Geld, welches der Schacher mit Eurem Leben einträgt, wird zur Bezahlung schändlicher Schulden verwendet oder zur Kontrahirung neuer benutzt werden. Ein gieriger Wucherer, eine verächtliche Maitresse oder ein gemeiner Komödiant wird die Guineen in die Tasche schieben, welche gegen Euer Leben eingetauscht wurden.
O Ihr blinden Verschwender, die Ihr mit Menschenleben spielt und die Früchte ihrer Arbeit und ihres Schweißes vergeudet, späte Reue und nagende Gewissensbisse werden Eure Henker sein; aber diese können das Volk nicht trösten, das Ihr unter Eure Füße tretet. Ihr werdet Eure Arbeiter und deren Ernten, Eure Soldaten und Unterthanen vermissen, Ihr werdet weinen über das Unheil, dessen Urheber Ihr gewesen und das Euch selbst wie Euer ganzes Volk erdrücken wird. Ein furchtbarer Nachbar lacht über Eure Blindheit und bereitet sich vor, daraus Nutzen zu ziehen. Er schmiedet bereits die Ketten, in die er Euch schlagen wird; Ihr werdet unter der Last seines Joches seufzen und Euer Gewissen, welches dann gerechter sein wird als Euer fühlloses Herz, wird die rächende Furie des Uebels sein, welches Ihr gethan habt.
Und Ihr, betrogene, erniedrigte und verkaufte Völker, Ihr solltet über Eure Irrthümer erröthen! Laßt den Schleier von Euren Augen fallen und flieht den Boden, der vom Despotismus befleckt ist. Durchkreuzt das Meer, flieht nach Amerika; aber umarmt Eure Brüder, vertheidigt dieses edle Volk gegen die übermüthige Raubsucht seiner Verfolger, theilt sein Glück und vermehrt seine Stärke. Helft ihm durch Euren Fleiß und eignet Euch seine Reichthümer an, indem Ihr sie vergrößert; dies ist der Zweck der Gesellschaft, dies ist die Pflicht des Menschen, den die Natur dazu bestimmt hat, seinen Nächsten zu lieben, anstatt abzuschlachten. Lernt von den Amerikanern die Kunst, frei und glücklich zu sein, die Kunst, gesellschaftliche Einrichtungen zum Vortheile jedes Mitgliedes der Gesellschaft zu verwenden. Vergeßt in den geräumigen Zufluchtstätten, welche sie der duldenden Menschheit eröffnen, die Bethörung, deren Theilnehmer und Opfer Ihr waret. Begreift, was wahre Größe, wahrer Ruhm und wahres Glück ist. Mögen europäische Völker Euch beneiden und die Mäßigung der Bürger der neuen Welt segnen, die darauf verzichten werden, sie für ihre Verbrechen zu bestrafen und ihre entvölkerten Gebiete zu erobern, welche von tyrannischen Unterdrückern beherrscht und von den Thränen elender Sklaven befeuchtet werden.“
Der Landgraf von Hessen, nicht zufrieden mit dem Aufkauf der Mirabeau'schen Schrift, suchte diese sogar durch eine Antwort zu widerlegen, welche den Titel führte: „Vernünftiger Rath an die Hessen“ und sich selbstredend auf die feudalen Legitimitätslehren stützte. Mirabeau entgegnete ihm aber in einer „Erwiderung auf den vernünftigen Rath“, worin er, durch die Beweisführung des Gegners genöthigt, mehr auf die leitenden Grundsätze eingeht. „Wenn die Gewalt — sagt er dort — willkürlich und unterdrückend wird, wenn sie das Eigenthum angreift, zu dessen Schutz sie eingesetzt ist, wenn sie den Vertrag bricht, welcher ihr ihre Rechte sicherte und beschränkte, dann wird der Widerstand Pflicht und kann nicht Empörung heißen. Wenn das nicht wahr ist, dann sind die Holländer sammt und sonders Verbrecher und Empörer. Wer sich bemüht, seine Freiheit wieder zu erlangen und für dieselbe kämpft, der übt ein gesetzliches Recht aus; die Empörung dagegen ist eine durchaus gesetzliche Handlung. Das Verbrechen gegen die Freiheit der Völker ist die größte Unthat.“
Gegen diese und ähnliche Ausführungen ließ der Landgraf durch seinen Minister Schlieffen Artikel in die holländischen Zeitungen rücken, welche damals die gelesensten, weil einzig zensurfreien, waren. Auf Seiten Mirabeau's kämpfte noch der bekannte Abt Raynal, gegen den sich bald die ganze Wuth des Angriffs richtete, weil seine historischen Arbeiten ihm einen weitern Leserkreis sicherten, und er damals der Bekanntere von Beiden war.