Uebrigens scheint Schlieffen sich Mirabeau gegenüber nicht bloß auf eine literarische Fehde beschränkt zu haben. Einige Anzeichen deuten vielmehr darauf hin, daß er an der Auslieferung seines Gegners durch die Generalstaaten nicht unbetheiligt war. Mirabeau und Sophie waren am 7. Oktober 1776 in Amsterdam angekommen und lebten hier still und zurückgezogen, bis sie durch einen französischen Polizeispion entdeckt und am 14. Mai 1777 verhaftet wurden. Der „Avis aux Hessois“ war zu Anfang 1777 erschienen. Nun behaupten zwar die Biographen Mirabeau's, daß lediglich der alte Marquis und die Eltern Sophie's die Verhaftung der Flüchtlinge verlangt und durch den französischen Minister Vergennes unterstützt, auch bewirkt hätten; allein die Quellen, die sie anführen, sind sehr lückenhaft und theilweise sogar ganz hinfällig. So ist es z.B. unmöglich, daß am 14. Mai die Verhaftung auf Grund eines Urtheils hätte erfolgen können, welches, wie das in Pontarlier gegen Mirabeau und Sophie erlassene, am 10. Mai 1777, also nur vier Tage früher gesprochen war. Ein Erkenntniß lag also noch nicht vor, als die Auslieferungsverhandlungen begannen; es waren vielmehr nur Familienrücksichten und persönliche Rache der nächsten Angehörigen, welche mit Hülfe der französischen Diplomatie das betreffende Gesuch an die Generalstaaten stellten. Eine Verpflichtung derselben konnte nicht geltend gemacht werden; der Privatantrag eines französischen Grafen, wenn er auch vom Minister unterstützt wurde, gab noch keinen Grund ab, ihm willfährig zu sein. Selbst befreundeteren Mächten als der damaligen französischen Regierung gegenüber, hatten die Generalstaaten ganz besonders eifersüchtig das Asylrecht gewahrt, und wenn ihnen zu jener Zeit Mirabeau auch nur als eine gewöhnliche katilinarische Existenz galt, wie sie zu Dutzenden in Amsterdam lebten, so lag doch nach holländischer Anschauung keine Veranlassung vor, gegen ihn einzuschreiten. Es müssen also noch andere Gründe mit untergelaufen sein, welche das gegen Mirabeau heraufziehende Unheil zum Ausbruch und den Becher zum Ueberlaufen brachten. Und sollten nicht gerade hier die Klagen des kasseler Landgrafen und seines Ministers Schlieffen Beschwerden die letzten Tropfen, wenn nicht die bestimmenden Faktoren gewesen sein? Derartige Beeinträchtigungen des Geschäfts, wie sie der Rath an die Hessen enthielt, griffen den Landgrafen an seiner empfindlichsten Seite an. Die Holländer hatten alle Ursache, ihn zu schonen; sie waren seine alten Kunden und Geschäftsfreunde. Seine Brüder und Vorfahren hatten in holländischen Diensten gestanden oder standen noch darin; kurz die Generalstaaten thaten im eignen Interesse wohl daran, einem so gewissenhaften Lieferanten sich gefällig zu zeigen. Zudem war der Dienst, den er verlangte, nicht sehr groß; einem Mann wie Mirabeau gegenüber, der die herrschende Gewalt gegen sich hatte, konnte man um so leichter über Bedenken und Zweifel hinwegkommen, als Frankreich's Minister ja auch thätig für den die Auslieferung verlangenden Vater mit eintrat.
Am 10. Mai 1777 schrieb der damalige amerikanische Geschäftsträger in Holland, C.W.T. Dumas aus Amsterdam an den Ausschuß der auswärtigen Angelegenheiten in Philadelphia (Dipl. Corresp. IX., 318), daß der Verfasser des „Rathes an die Hessen“ verhaftet werden solle, was, wie oben angegeben, wirklich einige Tage später geschah. Warum, sagt der in jeder Beziehung gut unterrichtete Dumas nicht, daß Mirabeau ausgeliefert werden solle, warum nennt er diesen, der in den politischen Kreisen allgemein als Verfasser dieser Flugschrift bekannt war, nicht mit seinem Namen und bezeichnet ihn kurzweg als politischen Schriftsteller? Offenbar doch nur, weil er dessen persönliche Verhältnisse nicht kannte oder weil er sie in einem politischen Berichte für ganz untergeordnet hielt, kurz, weil er die Verhaftung des Mannes in eine sachliche Verbindung mit seiner Flugschrift brachte und weil diese Angelegenheit für seine Auftraggeber von großem politischen Interesse war.
Nach Mirabeau kam Raynal an die Reihe, gegen den sich freilich nur mit der Feder, wenn auch unglücklich polemisiren ließ. „Es ist schlimm — sagt Schlieffen in einer 1782 französisch geschriebenen Antwort gegen den „Deklamateur“ Raynal, welche füglich als Muster der hessischen „wahren Philosophie“ gelten kann, — daß die Menschen sich unter einander erwürgen; aber sie haben es von Nimrod an gethan bis auf Louis XVI.; es ist schlimm, daß sie zuweilen sich, ja ihre Unterthanen wegen fremden Streites vermiethen, aber es ist immer so gewesen von den Griechen an bis auf die Schweizer. Die 10,000 Griechen unter Xenophon waren dem jungen Cyrus wegen der Bezahlung gefolgt. Xantippus, der Besieger des Regulus, war ein lacedämonischer Söldling in Carthago. Warum also unsere Zeitgenossen für ein Vergehen verantwortlich machen, welches zu allen Zeiten dasselbe war und in der menschlichen Natur zu liegen scheint?
Im Mittelalter war die Gewohnheit, sich zu vermiethen, allgemein, namentlich bei den Deutschen, daher auch der heutige hessische Subsidien-Vertrag vielleicht der zehnte seit Anfang des Jahrhunderts. Ende vorigen Jahrhunderts schickte Venedig die Hessen nach Griechenland gegen die Türken; sie belagerten Athen und brachten ihrem Herrn für seine Museen Alterthümer von dort mit. Der Landgraf tritt also nur in die Fußtapfen seiner Vorgänger; aber diese verminderten die Steuern nicht, bauten nicht, erwiesen dem Lande keine Wohlthaten. Sein Volk liebt ihn wie einen Segen spendenden Vater; seine Stände errichten ihm schon bei Lebzeiten eine Statue. Und diesen Fürsten wagt ein Abbé Raynal, der ihn gar nicht kennt, geizig, geldgierig zu nennen!
Aber was geht dieser Krieg, heißt es, deutsche Fürsten an? Für Anhalt und Waldeck mag das der Fall sein; aber der Landgraf und Prinz von Hessen, sowie der Herzog von Braunschweig sind mit dem englischen Königshause nahe verwandt; ihre Nachkommen können eines Tages den englischen Thron besteigen.
Die Entfernung und das Klima schaden nichts. England, Frankreich und Spanien führen dort auch Krieg; die Hessen sind jetzt sechs Jahre dort und haben verhältnißmäßig nicht viel Leute verloren. Aber schadet diese Entvölkerung dem Lande nicht? Sie würde es vielleicht in einem großen Lande thun. In einem kleinen Staate dagegen ist das Verhältniß ein anderes, so lange hier Hände genug für den Landbau und die Industrie vorhanden sind. Die Hessen würden, wie die Schweizer, auch sonst in's Ausland wandern und somit dem Staate ohne Vortheil verloren gehen. Mißbräuche beim Einstellen unter's Militär mögen wohl hie und da vorkommen, allein das sind Ausnahmen. Wenn man den „Deklamatoren“ glauben wollte, so warteten diese uniformirten Sklaven, die von barbarischen Herren zur Unterdrückung der Freiheit der neuen Welt verkauft sind, nur auf die erste günstige Gelegenheit, um ihre Ketten abzuschütteln. Aber die drei bei Trenton gefangenen hessischen Bataillone liefern den Beweis des Gegentheils; nur wenige von ihnen haben sich unter den Amerikanern niedergelassen.
In den Augen dieser Zwitterphilosophen gilt diese Gleichgültigkeit der deutschen Soldaten gegen die Reize einer Gottheit, die ihnen so schön gemalt wird, als der tiefste Grad der Erniedrigung der menschlichen Vortrefflichkeit. In den Augen des unterrichteten Mannes dagegen ist es nur eine verschiedene Anschauungsweise; denn der Hesse sieht ohne Zweifel, daß der Amerikaner nicht freier ist, als er selbst; daß ein vom Kongreß angestellter Oberst ein ebenso roher Vorgesetzter ist als der vom Landgrafen ernannte, und daß ein Richter von Germantown nicht besser als ein Amtmann von Kassel oder Ziegenhayn ist.
Es handelt sich vor Allem um die individuelle Freiheit; sie ist überall prekär und Veränderungen unterworfen, wie die Gesundheit. Das Individuum ist in Amsterdam, Paris und Genf eben so frei, unterdrückt und beengt. Aber hüten wir uns, diese kostbare Freiheit mit der Sirene zu verwechseln, die ihre Maske blos trägt, um die Unglücklichen zu täuschen, die ihre verrätherische Stimme verführt, mit der gerühmten politischen Freiheit mancher Staaten, welche der persönlichen Freiheit häufig so schroff gegenüber steht, wie der härteste Despotismus. Die Jahrbücher der Geschichte zeigen, daß die republikanischen Regierungen eben so tyrannisch und grausam sind als die monarchischen. Der aufgeklärte Bürger weiß, woran er sich zu halten hat; aber der unwissende Enthusiast, der Schwachkopf, der nicht nachdenken kann, läßt sich leicht vom Bilde dieser falschen Freiheitsgöttin verführen. Es ist Zeit, daß die wahre Philosophie uns gegen die traurigen Verführungen ihrer Bastardschwester schütze.“
Größere Aufmerksamkeit als diese Zeitungs-Artikel und Abhandlungen erregte jedoch der kleine Pamphletkrieg, der von den französischen Feinden Englands und der deutschen Fürsten von Holland aus geführt wurde und sich die Aufgabe stellte, die Amerikaner immer wieder siegen zu lassen oder die Fürsten in den Augen des gebildeten Europa lächerlich und verächtlich zu machen. Selbst Franklin schöpfte in seinen Briefen in die Heimath oft, ohne es nur zu wissen, aus dieser keineswegs reinen Quelle, wenn er z.B. als neueste erfreuliche Thatsache die im vorigen Kapitel erwähnte Anekdote meldet, daß Friedrich der Große von den Minden passirenden Hessen den Viehzoll erhoben habe, weil sie ja als Vieh verkauft seien, wie er denn auch allen Ernstes glaubte, daß der Markgraf von Anspach in Holland vom Pöbel verfolgt und verhöhnt worden sei. Die englischen Oppositionszeitungen machten sich ein besonderes Geschäft daraus, diese vom Parteiinteresse erfundenen Anekdoten weiter zu verbreiten. Natürlich fanden sie in der damaligen amerikanischen Presse stets ihr getreues Echo.
Unter diesen zahllosen Tendenzlügen hat besonders ein Brief unverdientes Aufsehen gemacht und sich bis auf den heutigen Tag erhalten, den der Graf Schaumburg, Prinz von Hessen-Kassel, am 8. Februar 1777 aus Rom an den Oberbefehlshaber der hessischen Truppen in Amerika, von Hohendorff, geschrieben haben soll; er hat der kritik- und gedankenlosen Geschichtsschreibung so viel Kopfzerbrechens verursacht, daß die Frage ob seiner Echtheit der Gegenstand verschiedener Artikel und Ausführungen geworden ist. Dieser Brief scheint zuerst durch Löher's mehr patriotisches als kritisches Werk über die Geschichte der Deutschen in Amerika in der Heimath bekannt geworden zu sein. Er lautet: