„Baron Hohendorff! Ich erhielt zu Rom bei meiner Zurückkunft aus Neapel Ihren Brief vom 27. Dez.v.J. Ich ersah daraus mit unaussprechlichem Vergnügen, welchen Muth meine Truppen entfalteten, und Sie können sich meine Freude denken, als ich las, daß von 1950 Hessen, die im Gefechte waren, nur 300 entflohen. Da wären dann gerade 1650 erschlagen und ich kann nicht genug Ihrer Klugheit anempfehlen, eine genaue Liste an meinen Bevollmächtigten in London zu senden. Diese Vorsicht würde um so mehr nöthig sein, als die dem englischen Minister zugesandte Liste aufweist, daß nur 1455 gefallen seien. Auf diesem Wege sollte ich 160,050 fl. verlieren. Nach der Rechnung des Lords von der Schatzkammer würde ich blos 483,450 fl. bekommen, statt 643,000 fl. Sie sehen wohl ein, daß ich in meiner Forderung durch einen Rechnungsfehler gekränkt werden soll, und Sie werden sich daher die äußerste Mühe geben, zu beweisen, daß Ihre Liste genau ist und die seinige unrichtig. Der britische Hof wendet ein, daß nur 100 verwundet seien, für welche sie nicht den Preis von todten Leuten zu bezahlen brauchten.... Erinnern Sie daran, daß von den 300 Lazedämoniern, welche den Paß bei Thermopylä vertheidigten, nicht Einer zurückkam. Ich wäre glücklich, wenn ich dasselbe von meinen braven Hessen sagen könnte. Sagen Sie Major Mindorf, daß ich außerordentlich unzufrieden bin mit seinem Benehmen, weil er die 300 Mann gerettet habe, welche von Trenton entflohen. Während des ganzen Feldzugs sind nicht 10 von seinen Leuten gefallen.“ — — —
Wenn nur einer der Abschreiber sich die Mühe gegeben hätte, den hessen-kassel'schen Truppenlieferungs-Vertrag vom 31. Januar 1776 nachzulesen, so würde er sofort den schlagendsten Beweis für die Unechtheit des obigen Briefes gefunden haben. Der Landgraf von Hessen hatte es nämlich, wie wir bereits im vierten Kapitel gesehen haben, für vortheilhafter gehalten, den englischen Vorschlag, sich die Gefallenen und Todten baar vergüten zu lassen, nicht anzunehmen, weil er ohne Kontrolle sein wollte und weil er dadurch, daß er die nicht mehr vorhandenen Soldaten auf der Präsenzliste noch eine Zeit lang fortführte, mehr Geld in seine Tasche spielen konnte. Abgesehen von diesem im Wesen der Sache liegenden Grunde, sind die äußeren Unwahrscheinlichkeiten nicht minder groß. Einmal gab es keinen Grafen von Schaumburg, Prinzen von Hessen-Kassel, dann aber gab es weder einen Herrn von Hohendorff, noch einen Major Mindorf, endlich aber war es zu jener Zeit unmöglich, daß ein Brief vom 27. Dezember schon am 8. Februar in Rom sein konnte. In England selbst traf die Hiobspost von der Niederlage bei Trenton erst gegen Mitte Februar ein; eine direktere Verbindung mit Europa existirte damals aber nicht.
Dieser Brief ist nichts als die amerikanische Verballhornung eines französischen Pamphlets, welches offenbar aus den Mirabeau'schen Kreisen hervorgegangen ist und im Anhang nachgelesen werden mag; er erschien in den vierziger Jahren, zur Blüthezeit der nativistischen Bewegung, als ein „Campaignpaper“ gegen die Fremden, besonders uns Deutsche, und Herr Löher, scheint es, hat ihn auf Treu und Glauben als echt angenommen und aus einer St. Louiser Zeitung abgeschrieben. In Amerika glaubt man noch heute an seine Echtheit.
Uebrigens ist nichts unwahrer und verlogener, als die weinerliche Sentimentalität, mit welcher kleinstaatliche deutsche Offiziere für den Landgrafen von Hessen gerade wegen dieses Briefes in die Schranken getreten sind. Als ob ein deutscher Fürst einer so zynischen Offenheit gar nicht fähig gewesen wäre! Zu welchem Zwecke stiehlt er denn tausend und aber tausend Unglückliche, als um Geld aus ihnen herauszuschlagen? Zu welchem Ende bittet der Herzog von Braunschweig den englischen Minister, die bei Saratoga geschlagenen Braunschweiger ja nicht in die Heimath zurückzuschicken? Doch aus keinem andern Grunde, als um sich durch die wahre Schilderung, welche die Zurückgekehrten voraussichtlich von ihren Leiden in Amerika machen würden, die Fortsetzung des gewinnreichen Geschäfts nicht zu verderben. Warum reist der Markgraf von Anspach so eilig aus der Residenz ab, daß er sogar seine Uhr auf dem Tische liegen läßt und nicht einmal ein frisches Hemd mitnimmt, ja, warum begleitet er im rauhen Winter seine Truppen bis Holland? Einfach, weil er eine neue Meuterei und den Verlust seiner Subsidien befürchtet und weil er nicht beabsichtigt, einen so reichen in Aussicht stehenden Gewinn fahren zu lassen. Die sittliche Entrüstung über den Verfasser dieses „monströsen“ Briefes ist also gar nicht am Platze, dagegen ist sie den Fürsten gegenüber, die Anlaß zu seiner Erfindung gegeben haben, vollkommen gerechtfertigt. Der Pamphletist hat nur die logischen Folgerungen aus den fürstlichen Prämissen gezogen. Wer in Fleisch und Blut handelt, will natürlich auch seine Waare bezahlt haben; je mehr er erhält, desto besser! Das ist ein einfaches Rechen-Exempel. Aufstellungen und Berechnungen, welche den Gegenstand des fraglichen Briefes bilden, wurden von den bei der Seelenverkäuferei betheiligten Fürsten fast täglich beim englischen Ministerium eingereicht; sie stritten sich jahrein, jahraus mit diesem um Pfennige, Groschen und Thaler herum, und einem einzigen Todten wurde lediglich aus finanziellen Gründen mehr Aufmerksamkeit erwiesen, als fünfzig Lebendigen. Der Pamphletist hat also nichts gethan, als den gegebenen Fall in seinen haarsträubenden Konsequenzen ausgeführt und dadurch das Treiben der deutschen Fürsten in seiner ganzen Verächtlichkeit gezeigt.
Daß übrigens die Versicherungen dieser Herren von ihrer unbegränzten Treue, ihrem gehorsamen Ersterben, ihrer unterthänigen Verehrung der hohen Tugenden ihres erhabenen und großherzigen Beschützers, des Königs von England, in Wirklichkeit wenig oder vielmehr gar nichts bedeuteten, daß sie schnöde Redensarten waren, um sich desto besser und glatter ein gewinnbringendes Geschäft zu sichern, diese Thatsache ergiebt sich ganz unmittelbar aus einem Briefe, den Franklin am 9. August 1780 aus Passy an den Präsidenten des Kongresses richtete. „Der deutsche Fürst — schreibt er — der mir vor einigen Monaten anbot, dem Kongreß Truppen zu liefern, dringt wiederholt auf Antwort. Ich machte ihm keine große Hoffnungen, sondern gab ihm zu verstehen, daß Sie voraussichtlich einen derartigen Vorschlag nicht annehmen würden.“ (Franklin's Werke VIII., 490.) Wer dieser von Franklin nicht genannte Fürst war, ist ganz gleichgültig. Er handelte jeden Falls im Einklang mit der Ueberlieferung seiner Standesgenossen, welche — siehe S.21 und 22 — womöglich ihre Truppen an beide Krieg führenden Parteien verkauften. Wenn der persönliche Haß gegen „die Rebellen“ auch groß war, ihr Geld war nicht schlechter als das englische, und wenn man einen guten Vertrag bekam, so lag gar nichts daran, ob der verkaufte Soldat auf republikanischer oder königlicher Seite fiel.
In derselben vernichtenden Weise wie Mirabeau und seine politischen Freunde spricht sich auf deutscher Seite Schiller in „Kabale und Liebe“ gegen den Soldatenhandel aus. Er hatte wie Mirabeau persönlich, wenn auch nicht so lange Zeit, den Despotismus kennen gelernt und zeichnete also nach der Natur. Die grausige Darstellung eines Zustandes, in welchem der Privilegirte Alles wagen konnte, der Unglückliche Alles verlieren mußte, bildet den Vorwurf eines Stückes, dessen zweiter Akt speziell auf die Unglücklichen zurückkommt, welche von ihren Fürsten nach Amerika verkauft waren. Es geschieht dies an der Stelle, wo die gutherzige Lady Milford — es ist charakteristisch für die Zeit, daß eine fremde Maitresse die edelste Person an einem deutschen Hofe ist — voll Verachtung und Entsetzen die Diamanten zurückweist, als sie erfährt, daß sie mit dem für die verkauften Soldaten gewonnenen Gelde beschafft sind. „Gestern — sagt der Kammerdiener — sind 7000 Landeskinder nach Amerika fort die zahlen Alles; ich habe auch ein paar Söhne darunter.“ „Doch keine gezwungenen?“ fragt die Lady. „O Gott nein — fährt der Kammerdiener fort — lauter Freiwillige! Es traten wohl etliche vorlaute Bursche vor die Front und fragten den Obersten, wie theuer der Fürst das Joch Menschen verkaufe? Aber unser gnädigster Landesfürst ließ alle Regimenter auf dem Paradeplatz aufmarschiren und die Maulaffen niederschießen. Wir hörten die Büchsen knallen, sahen ihr Gehirn auf's Pflaster spritzen, und die ganze Armee schrie: Juchhe nach Amerika! Die Herrlichkeit hättet Ihr nicht versäumen sollen, wie uns die gellenden Trommeln verkündigten, es ist Zeit, und heulende Waisen dort einen lebendigen Vater verfolgten, und hier eine wüthende Mutter lief, ihr säugendes Kind am Bajonette zu spießen, und wie man Braut und Bräutigam mit Säbelhieben auseinander riß, und wie Graubärte verzweiflungsvoll dastanden und den Burschen noch zuletzt die Krücken nachwarfen in die neue Welt! O! und mitunter das polternde Wirbelschlagen, damit der Allwissende uns nicht sollte beten hören! — — Noch am Stadtthore drehten sie sich um und schrieen: Gott mit Euch, Weib und Kinder! Es lebe unser Landesvater, am jüngsten Gerichte sind wir wieder da!“
Als Modell des hier gezeichneten Landesvaters hat dem Dichter offenbar der Markgraf von Anspach gedient, dessen Truppen sich beim Ausmarsche empörten, während in Lady Milford eher die Gräfin Franziska Hohenheim, die Maitresse des würtembergischen Herzogs, als Lady Craven, die Maitresse des Anspachers, geschildert zu sein scheint. Es war übrigens ein Glück für den jungen Dichter und für Deutschland, daß in Folge der preußischen Chikanen Karl Eugen mit dem englischen Minister des Handels nicht einig wurde, und daß demnach die würtembergischen Truppen zu Hause blieben, denn sonst hätte der junge „Regimentsmedikus“ sehr leicht eine „Berufsreise“ nach Amerika antreten und die Studien zu seiner Nadowessischen Todtenklage unter den Mohawks oder Mohikans machen können.
Wenn Schiller auch die Stimmungen und Gefühle eines großen Theils der gebildeten deutschen Jugend ausspricht, so verhielt sich Deutschland im Ganzen doch gleichgültig gegen diese erzwungene Betheiligung seiner Söhne am amerikanischen Kriege. Eine eigentliche politische Ueberzeugung und selbständige politische Interessen, folglich politische Parteien, gab es vor 1789 in Deutschland nicht. Politische Fragen im heutigen Sinne des Wortes kannten damals selbst die bedeutendsten Geister der Nation kaum. Es ist eine in dieser Beziehung höchst charakteristische Erscheinung, daß unser größter deutscher Dichter, der im ersten Jahre des amerikanischen Krieges seinen Triumpheinzug in Weimar hielt und gerade während desselben seinen Ruhm in Deutschland fest begründete, daß Goethe so wenig von den Ereignissen jenseits des Ozeans berührt wurde, daß er sie höchstens zwei Mal vorübergehend erwähnt. Das eine Mal spielt er ziemlich schüchtern und versteckt auf den Soldatenhandel an. Es geschieht dies, wie neuerdings überzeugend von Adolf Schöll nachgewiesen wurde, in dem 1781 verfaßten Scherzgedichte: „Das Neueste aus Plundersweilen.“ Es wird hier gleich zu Anfang die Erweiterung des Ortes und die Zunahme seiner Bevölkerung gerühmt, dann heißt es:
„Und zwar mag es nicht etwa sein,
Wie zwischen Kassel und Weißenstein,
Als wo man emsig und zu Hauf'
Macht Vogelbauer auf den Kauf,
Und sendet gegen fremdes Geld
Die Vöglein in die weite Welt.“
Weißenstein ist die jetzige Wilhelmshöhe bei Kassel. In der Nähe befand sich ein Gefängniß, dessen Insassen mit der Anfertigung von Vogelkäfigen beschäftigt wurden, welche man im Großen zu verkaufen pflegte. Während man auf diese Weise dem auswärtigen Gefieder Quartiere schaffte, wurden die werthvollsten und einheimischen Vögelein, die kriegsfähigen, jungen Leute nach den norddeutschen Häfen getrieben, um in Amerika (der weiten Welt) zu dienen. Dies ist der Sinn der obigen zahmen Satire, bei deren Druck Goethe die Worte Kassel und Weißenstein ausgelassen hatte, welche erst Schöll aus dem von ihm eingesehenen Original der Dichtung ergänzte. Das andere Mal drückt sich Goethe weniger vorsichtig aus. Es ist dies im siebenzehnten Buche von Wahrheit und Dichtung, wo er von seiner eben mit Lili geschlossenen Verlobung sprechend („Es war ein seltsamer Beschluß des hohen über uns Waltenden, daß ich in dem Verlaufe meines wundersamen Lebensganges doch auch erfahren sollte, wie es einem Bräutigam zu Muthe sey. Ich darf wohl sagen, daß es für einen gesitteten Mann die angenehmste aller Erinnerungen sey.“) und zum Besondern zurückkehrend, das ruhige Glück des Zeitungslesens preist und die gebietenden Mächte der damaligen politischen Welt schildert. Nachdem er Friedrich den Großen, Katharina II. und Gustav III. von Schweden erwähnt, fährt er, den Kampf des letztern mit seinem Adel berührend, fort: