„Die Aristokraten, die er unterdrückt, werden nicht bedauert; denn die Aristokratie überhaupt hatte keine Gunst bei dem Publikum, weil sie ihrer Natur nach im Stillen wirkt und um desto sicherer ist, je weniger sie von sich reden macht; und in diesem Falle dachte man von dem jungen König um desto besser, weil er, um dem obersten Stande das Gleichgewicht zu halten, die unteren begünstigen und an sich knüpfen mußte.
Noch lebhafter aber war die Welt interessirt, als ein ganzes Volk sich zu befreien Miene machte. Schon früher hatte man demselben Schauspiel im Kleinen gern zugesehen; Corsika war lange der Punkt gewesen, auf den sich aller Augen richteten; Paoli, als er, sein patriotisches Vorhaben nicht weiter durchzusetzen im Stande, durch Deutschland nach England ging, zog aller Herzen an sich, es war ein schöner, schlanker, blonder Mann voll Anmuth und Freundlichkeit; ich sah ihn in dem Bethmann'schen Hause, wo er kurze Zeit verweilte und den Neugierigen, die sich zu ihm drängten, mit heiterer Gefälligkeit begegnete. Nun aber sollten sich in dem entfernteren Welttheile ähnliche Auftritte wiederholen; man wünschte den Amerikanern alles Glück und die Namen Franklin und Washington fingen an, am politischen und kriegerischen Himmel zu glänzen und zu funkeln. Manches zur Erleichterung der Menschheit war geschehen, und als nun gar ein neuer wohlwollender König von Frankreich die besten Absichten zeigte, sich selbst zur Beseitigung so mancher Mißbräuche und zu den edelsten Zwecken zu beschränken, eine regelmäßig auslangende Staatswirthschaft einzuführen, sich aller willkürlichen Gewalt zu begeben, und durch Ordnung, wie durch Recht allein zu herrschen; so verbreitete sich die heiterste Hoffnung über die ganze Welt, und die zutrauliche Jugend glaubte sich und ihrem ganzen Zeitgeschlechte eine schöne, ja herrliche Zukunft versprechen zu dürfen.“
Eine dritte Stelle gehört eigentlich nicht hierher; allein, da sie Goethe's Bezugnahme auf Amerika aus dieser Periode abschließt, so möge sie, da sie eine weitere Perspektive eröffnet, hier noch einen Platz finden. „Lili, sagt er im neunzehnten Buche von Wahrheit und Dichtung, hatte geäußert, sie unternehme wohl aus Neigung zu mir, alle dermaligen Zustände und Verhältnisse aufzugeben und mit nach Amerika zu gehen. Amerika war damals vielleicht noch mehr als jetzt das Eldorado derjenigen, die in ihrer augenblicklichen Lage sich bedrängt fanden.“ Soweit Goethe. Klopstock und Lessing zeigten ein kaum mehr als oberflächliches Interesse für den amerikanischen Krieg. Nur von Kant wissen wir, daß er auf's Lebhafteste Partei für die Vereinigten Staaten gegen England ergriff und daß er durch die ruhige, überlegene Begründung seines Urtheils sogar einen bisher leidenschaftlichen Anhänger der königlichen Sache, seinen spätern Freund, den Engländer Green zu sich herüberzog.
Von den literarischen Zeitgenossen zweiten Ranges verherrlichten Nicolai und sein Kreis den amerikanischen Krieg in schwülstiger Prosa und noch schwülstigerer Poesie, über welche letztere, namentlich die Oden, der Göttinger Professor Schloezer mit Geist und Hohn die Lauge seines Spottes ausschüttete. Unter den damaligen Dichtern hat u.A. der Schwabe Schubart einige Lieder hinterlassen, welche begeistert die amerikanische Revolution feiern: so das übrigens sehr schwache Freiheitslied eines Kolonisten, welches dadurch interessant ist, daß den damaligen Deutschen der noch viel weniger als unbedeutende alte Israel Putnam als amerikanischer Freiheitsheld galt. Obschon 1776 geschrieben, wird Washington nicht einmal mit dem bloßen Namen erwähnt. Von den deutschen Soldaten dagegen nahmen die hervorragensten Zeitgenossen kaum Notiz. Nur in dem von G. Waitz veröffentlichten Werke Karoline (geborene Michaelis und später verehlichte Böhmer, A.W. Schlegel und Schelling) findet sich ein beredeter Schrei der Entrüstung, welcher der jugendlichen, noch nicht neunzehnjährigen Briefstellerinn alle Ehre macht. Sie war mit Frau Schloezer von Göttingen nach Kassel gefahren, um dort deren von der Reise zurückgekehrten Mann, den genannten berühmten Publizisten abzuholen. „Ich habe Kassel gesehen, schreibt sie am 16. April 1782 an eine Freundinn. Im Hinweg wohnten wir auch in Münden einem merkwürdigen, aber traurigen Schauspiel bei, der Einschiffung der Truppen nach Amerika. Welch eine allgemeine mannigfaltige grause Abschiedsszene! Die Gegend um Münden ist so romantisch, daß sie zu solch einer Szene wie geschaffen zu sein scheint. Dir, liebe Louise, brauche ich nicht zu sagen, wie mir Kassel gefallen hat; nur machte mich der Gedanke unwillig, daß der Landgraf in Münden Menschen verkaufte, um in Kassel Paläste zu bauen. Wir logirten auf dem Königsplatz. Die Kolonade, wo ich die Wachtparade aufziehen und auch, mit allem Respekt gesprochen, das Vieh, den Landgrafen sah, hat mir vorzüglich gefallen. Schloezer kam mitten in der Nacht.“
Deutschlands Ton angebende Klassen endlich betrachteten diesen Soldatenhandel einfach als ein fürstliches Hoheitsrecht und fanden es nicht einmal der Mühe werth, ein Wort darüber zu verlieren. Nun sagt zwar Niebuhr in seiner Geschichte des Zeitalters der Revolution: „Je mehr die Subsidienkontrakte mit England gehässig und verflucht waren, um desto mehr nahm man Antheil an der Sache Amerika's. Die Stimmung war so sehr aus aller natürlichen Fassung gerückt, daß die Nachricht von der Gefangennehmung deutscher Truppen durch Washington 1776 allgemein Jubel statt Schmerz erregte;“ allein der treibende Grund lag doch wohl mehr im persönlichen Hasse und in persönlicher Erbitterung als in politischer Erkenntniß. Ein deutscher Schweizer, Georg Müller, Bruder des Geschichtsschreibers Johannes Müller und näherer Freund Herders, trieb — allerdings ein einzig dastehendes Beispiel! — seinen schaffhausenschen Konservatismus so weit, daß er über England nach Amerika gehen wollte, um gegen die „Rebellen“ zu kämpfen. Im entgegengesetzten Sinne ließ sich der Bruder Johannes Müller, mit einer sentimentalen Ueberschwänglichkeit der Unwissenheit, die später bei uns durch Rotteck u.A. zum widerlichen Gemeinplatz breit getreten wurde, über den Unabhängigkeitskrieg aus: „Von der andern Seite des Weltmeeres, sagte er, leuchtete eine reizende Flamme der Freiheit mit elektrischer Kraft für die Westeuropäer, mit anziehender Kraft für die empor, welche ihrer Nachkommenschaft Genuß der Menschenrechte und sichern Wohlstand verschaffen wollten.“
Die Massen endlich waren so gedrückt, arm, unwissend und an blinden Gehorsam gewöhnt, daß sie die Willkür ihrer Herrscher als eine Fügung des Schicksals geduldig hinnahmen.
[Elftes Kapitel.]
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, die Zahl der von jedem der betheiligten Fürsten gelieferten Soldaten ganz genau festzustellen, so lange nicht sämmtliche deutsche Archive dem Forscher geöffnet werden. Die englischen Quellen, so zuverlässig sie sich sonst auch in den unbedeutendsten, die deutschen Miethstruppen betreffenden Einzelheiten erweisen, reichen deshalb nicht überall aus, weil in ihnen sehr häufig die Kontingente der einzelnen Staaten unter der allgemeinern Bezeichnung „deutsche Rekruten“ oder „deutsche Verstärkungen“ zusammengefaßt sind.