Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war überflüssig.
Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht. Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger Hain erbauen muß?
Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die tausend anderen Audienzen glich.
Elftes Kapitel
Elisabeth
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
Hebbel
Eisenach, den .......