Liebe Elisabeth!
D ein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg, wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, sondern im seelischen Deutschland.
Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief, denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe! Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten darin ein ernstes Kreuz.
Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein wenig Leicht-Sinn — nicht Leichtsinn —, laßt mich doch das Leben als ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.
Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer. Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was not ist, die Ideen und Urbilder — so lange gehe ich eben allein. Und solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben — so lange gehe ich eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der deutschen Seele.
Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg! Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen, Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du Allzubrave!
Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu oft allein gelassen.
Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen: so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe — Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.
Gott behüte Dich, gute Elisabeth!