Dein Ingo.
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Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem Hotelzimmer.
Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl.
Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.
„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos. Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine Briefe mehr.”
Der Brief wurde nicht abgesandt.
Er nahm seine Arbeit wieder auf.
Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd, war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten:
„O leite meinen Gang, Natur
Den Fremdlings-Reisetritt,
Den über Gräber
Heil'ger Vergangenheit
Ich wandle.
Leit' ihn zum Schutzort
Vorm Nord gedeckt,
Und wo dem Mittagsstrahle
Ein Pappelwäldchen wehrt.
Und kehr' ich dann
Am Abend heim
Zur Hütte,
Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,
Laß mich empfangen solch ein Weib,
Den Knaben auf dem Arm!”