Er ließ das Buch sinken.

„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”

Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib — und in der Nähe ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht! Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses glückselig-gesunde Weib — eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! „Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens — eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels! Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel!

Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab. Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich, immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach.

Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und — leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger? Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden — das waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm, dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: „ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.”

Auf seinem eigenen Montserrat!

Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten — vielmehr hier und heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne wird!

Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz!

Und doch — einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn, die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit — und wieder zurück zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden miteinander das rhythmische Ganze?

So wogten seine Gedanken.