Aus diesen Saatschulen werden die Führer der Zukunft genommen.
Draußen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, die dem bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.
„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, sagte sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschluß an die Gemeinde der Stillen entschloß. „So will auch ich auf meinem Felsen stehen.”
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Jäh war das Glück der Erfüllung über Ingo gekommen. Aus der verhaltenen Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblüht, wie er sie nie für möglich gehalten hätte.
Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein Bruder, der Jäger und Sportsmann, als hätte das Schicksal nur auf diesen Augenblick gewartet.
Ingo war nun Herr über ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche Forste. Aber sein Herz hatte nie an äußeren Gütern gehangen; seelische Erfüllung war ihm von Kind an als das Wesentliche erschienen, schon als der Knabe Lieblingsgegenstände hergab, nur um dafür Freundschaft einzutauschen und Freude zu machen. Doch war es ihm ein sinnreiches Symbol, daß er nun auch äußerlich den Lehr- und Wanderjahren entnommen und auf den festen Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre gesetzt war. Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung verdeckt und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fühlte sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung für ein neues und wieder mehr innerliches Geschlecht.
Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet mit dem Vertreter der älteren Generation, der bei Ingo im Hause lebte: mit seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer Geistesfrische, wenn er auch durch seine Gicht an den Stock und durch leidige Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war und in seinem Lederstuhl, von den beiden Doggen umlagert, einem Invaliden ähnlich sah. Er trug die Bartform des alten Kaisers, unter dem er die siebziger Schlachten mitgefochten hatte und mit dessen vornehm zurückhaltender edelmännischer Art er auch innerlich verwandt war. Unter Ingos anregendem Geisteshauch lebte der Alte wieder auf; denn er hatte immer eine stille Vorliebe für diesen jüngeren Sohn gehegt, dessen unzeitgemäße Sehnsucht er recht wohl nachfühlen konnte.
Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, hatte ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos Gattin geworden. Über ihrem Wesen lag jener Schimmer von Wärme, den man mit dem Worte Innigkeit bezeichnen könnte, einem Worte, das mit Innerlichkeit verwandt ist. Kind, Jungfrau und reifes Weib schienen alle drei in dieser stillen und feinen Gestalt erhalten zu sein, einander ergänzend, nicht störend. Ihre stattliche äußere Erscheinung war von gebietender Hoheit, die aber von der etwas gedämpften und guten Stimme und von einem einfachen, kindlichen, ja fast schüchternen Lächeln des Wohlwollens wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie seelische Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfüllung, wie es Menschen der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der Erfüllung. Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. Sie sind nicht mehr Hitze, sondern Wärme, nicht mehr Kometen, sondern Planeten oder gar Sonne. Dem Unerfüllten ist die Welt romantisch: aber die Erfüller machen die Welt traulich und heilig. In ihnen ist etwas, was der Romantiker leicht unterschätzt: die große Geduld. Sie haben es nicht mehr nötig, Tempelsucher zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und Tempelhüter.
Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit abgestimmten Menschen bildeten nun im Thüringer Herrenhause, im Herzen Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. Und es war eigenartig, daß gerade die einfachsten Menschen des Gutes, von der Waschfrau bis zum Feldarbeiter und Waldgänger, dem anscheinend durch Klüfte hoher Bildung von ihnen getrennten neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft herzensadligen Gattin Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie spürten in diesem jungen Ehepaar reines Menschentum. Auf den Höhen wahrer Bildung wird der Mensch wieder einfach.