Dabei legte Ingo großen Wert auf eine auserwählte und geschmackvolle Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt wählte er seinen Wandschmuck, wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben alten Meistern in guten Kopien vertreten war. Flügel und Meisterharmonium zierten den großen Saal, der noch mit Jagdtrophäen und Waffen gefüllt war von der andren, der sportsmäßig unruhigen Generation, für die das Tuten eines Automobils wohllautender war als eine Sonate von Beethoven.

In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee über die Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff zum ersten Male bei den Jungvermählten zu Gast. Und seltsamerweise hatte sich noch ein Bekannter eingefunden, den einst Ingo in Cette und Lourdes so gut wie gar nicht beachtet hatte: der ernste, etwas trockene Fabrikant Muthner.

Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend im Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine ägyptischen Zigaretten unglücklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, was die Damen gern gewährten. Und dennoch blieb, bei aller äußeren Gemütlichkeit und bei aller Gedämpftheit auf diesen vielen Fellen und bequemen Polstern des Salons, eine feine Trauer die eigentliche Stimmung.

„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, stellte der Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! Als hätten sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepreßt! Erinnert ihr euch jenes Gespräches über die Titanic, Friedel und Richard? Und wer spricht heut' noch von der Titanic! Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.”

„Die Geschäftslage ist drückend ernst”, warf der Fabrikant ein.

„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter Schwung kommen”, bedauerte Trotzendorff.

Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll mißglückten Wartburgtag so zu Herzen genommen, daß ein Unmut in ihm zurückgeblieben war. Und bei nächster Gelegenheit hatte er sich aus dem Hofdienst zurückgezogen und sich als Offizier zur Disposition stellen lassen. Vereinstätigkeit und statistische Arbeiten machten ihm nun Freude. „Innere Arbeit am deutschen Volke” nannte er das mit seinem etwas doktrinär betonten vaterländischen Bewußtsein. Friedel saß wieder mit ihrem ganzen blühenden Künstler-Naturell neben dem anders gearteten Gatten, so prächtig erholt, daß sie sogar ein wenig zur Fülle neigte, was ihr keinen geringen Kummer verursachte.

„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. „Ich bin doch sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder und Laute. Aber wenn ich mit meinem Verwalter fertig bin und mich dann wieder zu diesem Stoß von illustrierten Büchern über 1813 wende — ich weiß nicht, wie es kommt: ich vermag nicht recht mitzujubeln.”

Der alte Vater nickte.

„Wir von 1870 wußten noch, um was wir kämpften. Wir hatten ein Ideal. Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.”