„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schädigungen”, verbesserte der Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, heute fürchtet man nur zu verlieren.”

„Nämlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem Sessel zurück. „Und das ist ja wohl schließlich des modernen Menschen höchstes Ideal. Ach, meine Herren, was weiß man heute noch von unsrer Stimmung von 1870? Ich hab' es oft erzählt, wie am Abend einer jener mörderischen Schlachten vor Metz unser alter Kaiser an unser zusammengeschossenes Regiment herangeritten kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings kläglich aus, wir waren kaum noch ein Trüppchen. ‚Kinder, ihr habt ja wohl heute schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen Stimme, ich hör' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben ist?’ Ich stand vor ihm — was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja wohl noch etliche zusammenfinden, Majestät.’ Da warf er einen Blick über uns hin — den vergess' ich nie — und die hellen Tränen liefen ihm über die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, winkte nur mit der Hand — so — zu uns herüber — Unaussprechliches lag in dieser Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden grüßen: Haltet aus, liebe Kameraden, seid bedankt, treue Kameraden, es gilt eine hohe Sache! Oh, da war keiner von uns, der nicht gern sein Leben gelassen hätte.”

Der Alte schwieg bewegt.

„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. „Das Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich Deutschland vom Druck befreite. Aber heute?”

„Ein Krieg von heute würde die europäische Luft reinigen”, führte Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wäre Raum und Empfänglichkeit für eine neue Lebensstimmung.”

„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” fragte der Fabrikant.

„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, das unsrer gespannten und mißtrauischen sozialen, politischen und geistigen Luft reinen Sauerstoff zuführt. In Oberitalien traf ich einmal eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die mir die Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, alkoholfreie Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus — unpoetische Dinge, die ich aber seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder bei dieser guten und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist selber durch Leid gegangen. Und nur so erobert man Herzen, nicht mit Polizei, Paragraphen und Kanonen.”

Dieser Grundanschauung versagten selbst die härteren Elemente der Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, wollten aber für Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei und Kanonen geachtet wissen.

„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!”

„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” neckte Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? Der unheimliche Rückzug aus Rußland? Die Freiheitsschlachten?”