„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die größte Gefahr des Künstlers — und alle tappen hinein, alle!”
„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' auch noch ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und überhaupt: das müßte denn doch ein geistverlassener Tropf sein, der das reizvoll-bunte Lebensspiel bloß moralisch deuten wollte. Moralisch kann auch der Philister sein. Die Türpfosten zu meinem Studierzimmer heißen Phantasie und Güte. Und auf dem Querbalken steht der Spruch: Leben entzündet sich nur am Lebendigen!”
Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. Elisabeth empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinüber und sagte: „Liebe Friedel, es sind rings um Schloß Waldeck viele Singvögel: da wird er gewiß das Singen nicht verlernen.”
Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gespräch so sparsam zu sein, daß diese ausgleichende Bemerkung in ihrer freundlichen Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. Aber man hatte dabei die eigenartige Empfindung: diese Beiden da wissen, was sie wollen!
Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, blätterte die Sängerin anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger” und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth um einige Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte besorgen lassen. Sie schlug auf und stieß auf den Namen Hans Sachs.
„Wie duftet doch der Flieder
So mild, so stark und voll!”
Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute ihn fragend an, indem sie den Flügel öffnete und die Partitur aufstellte.
Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht gespielt worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang gedämpft, zum Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, jenen Monolog des Meisters Sachs. Und bald stand die genesene Freundin hinter ihm und sang die Rolle der Eva. Ein Zwiegesang entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes nicht mehr miteinander musiziert. Jetzt aber hatte Ingo die Führung, wandte sich dazwischen um und rief mit Feuer:
„Was für ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! Dieses innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, daß es von Verträumtheit in Jubel übergehen kann: Lenzes Gebot, die süße Not, die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie ein Bach unter Winterschnee: verhaltene, gesammelte Kraft, die noch in sich hat die Melodien vom verflossenen Sommer und schon in sich die künftigen Frühlingslieder. Gesammelte Kraft! Ja, so ist das Gemüt der besten Deutschen! Hans Sachs in dieser Geklärtheit und männlichen Güte, ein Greis und doch jung und mit Jungen fühlend — das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!”
Und als Eva bekannt hatte, daß sie nur ihn zum Gemahl genommen hätte, wär' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen Dank der Eva — „O Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie ich dir Edlem lohnen kann?” — sang Elisabeths Gatte bedeutsam weiter: