„Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser Tempel ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht jeder darf ihn betreten.”
„Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?”
„So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen, das ahnst du ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so ohne weiteres machen, sie müssen wachsen, sie werden geschenkt, wenn die Zeit gekommen ist. Den Tempel der Erfüllung kann man erst verstehen, wenn man durch Erlebnis reif ist. Was würdest du hineinstellen, Elisabeth? Laß einmal sehen!”
Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie:
„In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor, den segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen an den Wänden — es sind doch Nischen drin? — die großen Meister, die du besonders verehrst, lauter weiße Marmorgestalten. Das müßte feierlich stimmen, wenn man unter diese großen Menschen tritt, und es fällt nur von oben Himmelslicht hinein, nicht wahr?”
„Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schöpferisch! Beginnst wohl schon gleich den Tempelbau?”
Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im geräumigen Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der Zukunft: er in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude erfüllt, mit dem Geliebten beraten zu dürfen.
Er sprach über seinen Lieblingsgedanken, drei europäische Grundkräfte zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und Wartburg — Griechen-Schönheit, Christus-Güte, Germanen-Ernst. Er flocht im Gespräch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz. Und er teilte seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft zugänglich war.
„Diese künftige Einheit herzustellen, ist die Sendung künftiger deutscher Meister”, sprach er. „Die Vorbereitungen dazu können jetzt schon eines Mannes Leben ausfüllen. Deutschland ist das Herz Europas: es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will versuchen, vorbereitend in meinem kleinen Bezirk mitzuwirken. Und Elisabeth soll dabei sein.”