„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”
„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”
„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!”
„Noch einen Bräutigam? Her damit!”
„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!”
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Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang, deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte.
Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf, lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans knochig-männliche Festland — und dem Greifenden zwischen den Fingern zersprühend, ein schillernder Schein!
Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie gestern erst auseinandergegangen.
Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen, man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war.