„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!”

Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen Heim begrüßen zu dürfen.

„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen eine festliche Versammlung finden. Es gibt einen Knalleffekt, die Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.”

Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen Geschäftsmann schätzen gelernt habe.

„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber, das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe, unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”

Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:

„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen, daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”

„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so viel Tatkraft auf so viele Probleme — warum nicht auf dieses?”

Der Konsul nickte.

„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Frage zu finden, vor allem andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.”