So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel abgesetzt.
Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt, so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen. Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz.
Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis, die er in der Tasche trug.
„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
Und deinem Beistand fest vertraun,
So löse doch des Alters Binde
Und mache mich zu deinem Kinde!”
Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit? Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe — und nach dem einen Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins? Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem Jenseits?
Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen Mädchen ist Glück, Wärme, Stille — waren es vielleicht grade diese Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf ihn gewirkt hatte?
Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen, seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich warnenden Nachschriften der treuen Friedel abgeschnitten und im Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers, dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.
Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.
„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren. „Tibi dabo ist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben. Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, der Berg irdischen Besitzes.”