Agnes. Da kommt der Arzt! O Ritter, es ziemt sich nicht, daß Ihr mir geringer Magd die Hände küsset! ... Seht, der Arzt ist außer sich vor Verwunderung! ... Wie sagt Ihr, ehrwürdiger Vater? Der Ritter wäre — dieser Ritter wäre — genesen, sagt Ihr?! Mein Herr ist — wieder gesund?!

Der Arzt. Ja, Mädchen, er ist wieder gesund! Durch dich ist er gesund geworden: durch Gott, der in dir wohnt und der aus dir gesprochen hat zu diesem Beladenen und Kranken! Nicht mehr brauchst du nun zu sterben, liebes Kind, du darfst mit ihm leben. Siehe, in seinen stillen Tränen fließt nun hinweg, was ihn krank gemacht hat. Nicht nur Blut erlöst, auch die heilige Träne der Reue hat erlösende Kraft. Daß er in reiner Reue weinen konnte, das hat ihn gesund gemacht. Und du hast ihm die Träne geschenkt, du hast ihn erlöst, du holdes Herz, dessen Liebe stärker ist als alle Sünden und Wunden der Welt.

Sie waren zu Ende.

Arnold hatte auch des Arztes Worte gesprochen. Seine Hand lag noch segnend auf des Kindes lichtem Scheitel. So stand er ein Weilchen und schaute bewegt in ihr seelenvolles, geradezu fromm und madonnenhaft durchstrahltes Antlitz. Sie hatte, der Rolle entsprechend, die Hände gefaltet und blickte zu ihm empor — zu ihm, der hier Kranker und Arzt zugleich war und mit feuchten Augen auf das holde Gebilde herniedersah.

Die Empfindungen, die zwischen Mann und Weib wie Strahlen hin und her gehen, sind der Vernunft und dem Willen nicht erreichbar. Sie kommen, sie sind da, sie wirken — niemand weiß oder wird je wissen, wie es geschah. Man mag sie beherrschen oder verbergen, aber die Tatsache bleibt dieselbe. Und es kommt nun auf die sittliche Reife und seelische Reinheit an, ob sie veredelnd wirken oder verheerend.

»Ich danke dir, Fanny«, sprach Arnold leise. »Immer wieder werde ich den Weg gewiesen: den Weg der Liebe. Die schönste Darstellung hätte mich nicht reiner beglückt. Kind, nun wollen wir aber Gustav nicht vergessen. Sieh, du darfst ihm die Rolle des armen Heinrich nicht zumuten. Er leidet schon genug unter dem Mitleid. Laß ihm diese edle Scheu!«

»Du hast recht!« fiel Fanny ein, sofort seinen Gedanken erfassend. »Nein, nein, sie sollen mir ihn nicht bemitleiden! Stolz soll er sein! Ich dachte nur an dich und an die Überraschung, auch an meine eigne schöne Rolle, und zu wenig an Gustav. Der liebe, liebe Gustav! Ich laufe gleich zu ihm hinauf und bitt' ihn um Verzeihung.«


Es ziemt uns nicht, irre zu werden an einem Volke, das nach vierjähriger, heldenhafter Geduld und meist siegreicher Gegenwirkung panikartig zusammenbricht.

Vieles wirkt bei solchem Zusammenbruch einer Nation ineinander. Nur schwächliches oder unedles Denken sucht nach einem einzigen Sündenbock, dem man die gesamte Schuld aufbürden könnte. Wenige wissen das Glück mit Maß und den Schmerz mit Würde zu tragen. Auch viele, sehr viele Deutsche haben sich in den Herbsttagen 1918 erbärmlich benommen.