Agnes. Euch nähr' ich mit meinem Blut und Euch mit meiner Seele — und so werdet Ihr ein herrlicher Mensch durch mich — und ich schenke Euch der Welt, lieber Herr! Seht, so bin ich Mutter und tue Großes. Und habt Ihr mich nicht im Scherz oft Euer lieb traut Weib genannt, weil ich Euch von ganzem Herzen gut bin? Seht, so bin ich Gattin — und bin Euch Schwester — und bin dreifach glücklich. Ist das nicht groß?

Heinrich. O wie heilig ist eine Frau! Ich hab' es nie gewußt, daß eine liebende Frau so heilig sein kann. Mir waren die Frauen unheilig, denn sie lockten meine Begierden zutage. Du, Kind, machst mich fromm! Mein herzlieb Schwesterchen, laß mich deine Hände küssen — nein, den Saum deines Gewandes! Wenn du zu Gott kommst, bitte für mich! Denn ich selbst bin unwert, mit Gott zu sprechen.

Agnes. Wenn ich zu Gott komme, werde ich ihm erzählen, wie sehr Ihr gelitten habt.

Heinrich. Du bist schön, du bist geschaffen, einen Mann zu beglücken, ich muß dich anschauen immerzu.

Agnes. Ich beglücke einen Mann, denn ich beglücke Euch.

Heinrich. Lockt dich nicht die Lust der Welt, du junges Blut?

Agnes. Ich habe Hartes erlebt, und ich habe im Herzen viel Schönes erschaut. Der Wald und die wilden Wasser sind voll von Stimmen; in den Hütten unsrer deutschen Heimat ist viel Wundersames; und meine Mutter erzählte mir von den großen Heiligen, die über die Gebirge wanderten und die wunderbare Stadt Gottes suchten. Lieber Herr, die Leute schelten mich wohl Träumerin, denn mich lockt nicht, was andre lockt. Ich suche ein sehr Schönes, ein sehr Großes. Wollet mir nicht die Pforte versperren, mein trauter Herr; wollet mir gestatten, daß ich aus Liebe zu Euch diese Erde verlasse und heimkehre zu Gott.

Heinrich. Kind, Kind, du überwältigst mich! Kind, schau' seitab, denn in meinen Augen ist etwas, was ich seit Kindertagen nicht mehr kannte: Tränen! Ich möchte dich fragen, glaubst du denn an deine unsterblichen Geister? Aber ich frage nicht, denn du lebst ja mitten unter ihnen! Ich möchte dich fragen: siehst du sie denn, hörst du sie denn? Aber ich frage nicht, denn ich schaue ja ihren Abglanz in deinen Augen! Und so hat sich der Himmel auf dich herniedergelassen, so steht der Himmel gestaltet und lebendig vor mir — in dir, du fremdartig süße Jungfrau, du Kind, du Gattin, du Mutter, du meine bräutliche Schwester Agnes! Siehe, das Wunder der Liebe! Dieses Mädchen will sterben aus Liebe! — Ich wußte bisher nur von einem Genuß aus Liebe — von Begehren, Ergreifen, Besitzen! Siehe das Wunder der Liebe! Zum erstenmal eine Jungfrau, vor der ich betend in Staub sinke — nicht begehrend — geheilt von Begierde — besiegt!

Agnes. Steht auf, mein teurer Herr! Nicht besiegen will ich Euch, ich will Euch frei und gesund machen.

Heinrich. Und du machst mich frei und gesund! Wie ich diesen Mantel abschleudre, so schleudr' ich ab Trotz und Haß, Lust und Gier — so werf' ich ab mein ganzes bisheriges Leben — so werd' ich wieder ein Kind wie du und fahre gereinigt von neuem in die Welt — durch dich, Agnes!