Ein Gespräch zwischen Agnes und dem armen Heinrich vor dem Hause des Arztes zu Salerno

Heinrich. Hier ist das Ziel ... Hier wohnt der Arzt ... Sind nicht deine Füße wund?

Agnes. Herr, es ist ein Rosenblatt, das auf meine Sandalen fiel. Und wären gleich meine Füße wund, sie schmerzen mich nicht.

Heinrich. Sie schmerzen dich nicht, du gutes, geduldiges Kind! Wie sollten dich wunde Füße schmerzen, da du so Großes zu erleiden willens bist! Dich opfern zu lassen, damit ich gesund werde!

Agnes. Seufzet nicht um meinetwillen, lieber Herr! Sehet, ich bin nicht bange, ich will freudig mein Blut geben, damit Ihr gesundet. Meine Mutter hat mir viel erzählt vom Christuskind, das auf die Erde gekommen ist, um sich opfern zu lassen für die Menschen. Und sie hat mir gesagt: Blut hat Heilkraft.

Heinrich. Blut hat Heilkraft ... Hat sie dir das gesagt, liebes Mädchen?

Agnes. Ja, Blut und Tränen, hat sie gesagt. Ich hab's wohl nicht verstanden, aber ich hab's behalten. Meine Mutter war gut und hat nie gelogen. Doch hat sie viel geweint.

Heinrich. Blut und Tränen ... Viel Blut hab' ich vergossen, doch selber wenig Tränen. Viel getötet, doch wenig lebendig gemacht. Ritter bin ich gewesen und habe dem Kampf und dem Genuß gelebt ... Und nun will dieses holde Kind für mich sterben! Aus Mitleid! Aus Liebe für einen kranken Menschen sterben! ... Nein, nein, das ist übermenschlich ... Nein, du holdes Kind, ich nehme dein Opfer nicht an! Ich will nicht glücklich sein auf Kosten deines blühenden Lebens!

Agnes. Mein guter Herr, ich bin eine arme, unwichtige Magd, Ihr aber könnt noch Großes tun in der Welt.

Heinrich. Und du etwa nicht? Kannst du nicht Gattin sein und einen Mann beglücken? Kannst du nicht Mutter sein und Kinder aus deinem reinen Blut und aus deiner reinen Seele nähren und als herrliche Menschen der Welt schenken? Ist das nicht etwa groß?!