»Auf mich? Nie und nimmer!«

»Wenn ich dir nun sagte, daß ich an selbstlose, restlose Frauenliebe, an echte, vom Himmel ausgehende und in den Himmel wieder heimkehrende Liebe nicht mehr glaube?«

»Du? Onkel Arnold, das kannst du andren sagen, aber doch nicht mir! Denn ich habe deine Schriften gelesen. Und da steckt ja in aller Philosophie so viel von deinem Herzen drin! Also mir redest du nichts vor!«

Sie machte eine köstlich abwehrende, altkluge Schüttelbewegung mit der kleinen Hand. Und er betrachtete sie lächelnd, wie sie in ihrer blühenden Weiblichkeit vor ihm stand, wobei sich in der Erregung des Gespräches der Busen hob und senkte, so daß ihr goldnes Kettchen am offenen Halse funkelnd tanzte. Sein Auge wurde feucht, er zuckte wehmütig die Achseln und schaute in die Blätter, halblaut murmelnd:

»Ich glaub' nicht mehr an Lieb' und Treue. Erzähl's nicht weiter! Denn es ist eine Schande für mich, eine solche innere Leere verraten zu müssen.«

Und ablenkend fuhr er fort:

»Komm, wollen doch einmal das Gespräch miteinander lesen! Bin neugierig, wie das heute auf mich wirkt — nach so langen Jahren und in so ganz andrer Zeit!«

Und sie lasen.

Mit müder Stimme begann er die Rolle des armen Heinrich zu sprechen. Fanny fiel ein, ohne in das Blatt zu schauen, und sprach mit Innigkeit die Worte der Agnes. Und mehr und mehr gerieten beide in Ausdruck, in Feuer, in tiefe Gemütsbewegung ...

Das Liebesopfer