»Rückgabe der Kriegsgefangenen, doch ohne Gegenseitigkeit.
»Abgabe von 100 U-Booten, sechs Dreadnoughts, acht leichten Kreuzern; die übrigen Schiffe entwaffnet und überwacht.
»Blockade bleibt bestehen; deutsche Schiffe dürfen weiter gekapert werden ...«
»... Hündisch!« rief Gustav, als er die Zeitung in zitternden Händen hielt. Die Zornröte schlug dem Unteroffizier, der für sein Vaterland nicht mehr kämpfen konnte, in das blasse Gesicht. »Schamlos! Schamlos! Lassen unsere Frauen und Kinder weiterhungern, machen geordnete Heimführung unmöglich, wissen genau, daß man in vierzehn Tagen den Riesenapparat von drei Millionen Mann nicht heimführen kann, entwaffnen, knebeln uns, behalten unsre Gefangenen — — und das unterzeichnen unsre deutschen Vertreter?! Braust denn nicht eine letzte Zornflamme durch das ganze deutsche Volk?!«
Nein. Es brauste keine letzte Zornflamme durch das deutsche Volk: denn es war bereits von innen zersetzt.
Zwei Tage vor Abschluß des Waffenstillstandes war in Deutschland die Revolution ausgebrochen. Und mit der unheimlichen Schnelligkeit des neuzeitlichen Drahtverkehrs hatte sie sich innerhalb weniger Tage, ja Stunden sämtlicher deutscher Städte bemächtigt. Hagens Speer war wieder einmal in Siegfrieds Rücken gefahren. Das alte deutsche Trauerlied! Parteiwut war mächtiger als die hier allein rettende oder mildernde einmütige völkische Zornflamme. Als Schillers und Luthers Geburtstag über die deutsche Erde ging, lag Bismarcks Reich von außen zerhämmert, von innen unterhöhlt als Trümmerhaufen am Boden.
In Kiel begann es. Die deutsche Marine hatte sich durch einzelne Heldentaten und kühne Fernfahrten ausgezeichnet. Im ganzen hatte sie weniger Blut gelassen als die Kameraden an den Landfronten. Um so mehr Muße war für Zersetzungsarbeit durch Schriften und Flugblätter des Umsturzes. In jenen Herbsttagen sollte die deutsche Flotte durch einen Vorstoß in den englischen Kanal die flandrische Nordfront entlasten. Die Mannschaft meuterte. Die Bewegung dehnte sich auf Kiel aus; die Stadt wurde besetzt; auf den behördlichen Gebäuden wehte die rote Flagge; ein sozialdemokratischer Abgeordneter flog im Luftschiff heran und übernahm die Leitung. Nach russischem Vorbild wurde die Revolution ins Werk gesetzt, wie es kurz zuvor auch in Österreich geschehen war. Ein Arbeiter- und Soldatenrat trat an die Spitze; der Stadtkommandant wurde bei seiner Weigerung, sich abführen zu lassen, erschossen.
Und Ähnliches geschah in Hamburg. Die Bewegung griff nach Berlin über, wohin bewaffnete Matrosen zogen. In allen Städten sah man einzelne Matrosen auftauchen, schüren und führen — und nach derselben Formel waren über Nacht rote Fahnen gehißt, rote Maueranschläge zu lesen, die wichtigsten Gebäude besetzt, sämtliche deutsche Fürsten entthront. Das überraschte Bürgertum sah dem Treiben schweigend zu, erschöpft vom langen Kriege, betäubt vom unerhörten Waffenstillstand — noch mehr betäubt, daß es deutschen Brüdern möglich war, in solchem Augenblick dem kämpfenden Vaterland in den Rücken zu fallen.
Eine Partei, die seit Jahrzehnten planmäßig auf den Umsturz hinarbeitete, die sich nicht in das Reich mit eingefügt hatte, deren Abgeordnete fluchtartig den Saal zu verlassen pflegten, wenn das Hoch auf den Kaiser ausgebracht wurde — diese Partei wählte diesen Augenblick, um ihre freiheitlichen Ideale durchzusetzen. Es fiel niemanden ein, ihr den Sieg streitig zu machen. Man sah zu, wie auf den Straßen den Offizieren die Achselklappen abgerissen wurden, wie das soldatische Grüßen mit einem Schlage aufhörte; ja die Aufrührer rühmten sich, daß sie seit Monaten Fahnenflüchtige und Drückeberger organisiert, mit falschen Papieren ausgestattet und mit Aufklärungsschriften zur Werbearbeit umhergesandt hätten. Und so waren es denn auch besonders wohlgefütterte und gut bezahlte Helden der Etappe, die nach Kundwerdung des Waffenstillstandes sinnlos flohen, wobei zu Schleuderpreisen Wehr und Waffen an die Belgier verkauft wurden. Die Männer der Front freilich, die dem Tod ins Auge geschaut hatten, blieben treu und tapfer bis zum letzten bittern Schluß, in fester Haltung vom Schlachtfeld abrückend ...
Und der Kaiser des Bismarckschen Reiches? Jener Kaiser, der vor achtundzwanzig Jahren als junger Regent den Reichsschmied, zur schmerzlichen Überraschung des deutschen Volkes, kurzerhand entlassen hatte? Man war auf seine freiwillige, großzügige Abdankung gleich nach Wilsons erster Antwortnote gefaßt. Allein der letzte Hohenzoller zauderte. Durch Zugeständnisse an die Demokratie glaubte man die Regierung verhandlungsfähig zu machen. Doch die Antwort von drüben verzögerte sich, die deutschen Nerven versagten mehr und mehr, die Zersetzung griff um sich — und der Kaiser, der sich unter seinen Deutschen nicht mehr sicher glaubte, floh nach Holland. Desgleichen der Kronprinz. Beide entsagten dem Thron.