Ein Fels im Meere stand noch Generalfeldmarschall Hindenburg. Sein Generalstabschef Ludendorff hatte schon Wochen zuvor von seinem Platze weichen müssen: Ludendorff, der mit eiserner Willenskraft auch innerpolitisch die Reichsregierung zu stärken versuchte, Ludendorff, der freilich die Bitte um Waffenstillstand aussprach, aber ein so unerhörtes Abkommen wohl niemals unterzeichnet hätte. Mit der ihm eigenen monumentalen Ruhe, wenn auch blutenden Herzens, wandte sich der allverehrte greise Feldmarschall in jenen Tagen des Zusammenbruchs noch einmal an sein Feldheer, nicht mehr zum Kampf ermunternd, nur noch zur Pflichttreue:
»Der Waffenstillstand ist unterzeichnet worden. Bis zum heutigen Tage haben wir unsre Waffen in Ehren geführt ... Bei der wachsenden Zahl unsrer Gegner, bei dem Zusammenbruch der uns bis an das Ende ihrer Kraft zur Seite stehenden Verbündeten und bei den immer drückender werdenden Ernährungs- und Wirtschaftssorgen hat sich unsere Regierung zur Annahme harter Waffenstillstandsbedingungen entschließen müssen. Aber aufrecht und stolz gehen wir aus dem Kampfe, den wir über vier Jahre gegen eine Welt von Feinden bestanden. Aus dem Bewußtsein, daß wir unser Land und unsere Ehre bis zum äußersten verteidigt haben, schöpfen wir neue Kraft. Der Waffenstillstandsvertrag verpflichtet zum schnellen Rückmarsch in die Heimat — unter den obwaltenden Verhältnissen eine schwere Aufgabe, die Selbstbeherrschung und treueste Pflichterfüllung von jedem einzelnen von euch verlangt, ein harter Prüfstein für den Geist und den inneren Halt der Armee. Im Kampfe habt ihr euren Generalfeldmarschall niemals im Stiche gelassen. Ich vertraue auch jetzt auf euch.«
Und das Frontheer machte seinem Hindenburg Ehre. In musterhafter Ordnung marschierten die Massen Tag für Tag nach Deutschland zurück. Es war ein ernstes Wandern in abgeschabtem Waffenrock, ein ernstes Reiten auf hageren Gäulen, nicht vergleichbar dem einst so glänzenden Auszug in jenen blumenreichen Hochsommertagen, als die singenden Truppenzüge nach Westen und Osten rollten ...
Auch Gustav erhielt in diesen Tagen seine Entlassung.
Er weilte zu diesem Zweck in Straßburg.
Seit dem siegreich beendeten Zusammenstoß mit dem Hauptmann waren seine Nerven in einer erstaunlichen Spannung. Er schien völlig genesen. Es war ihm ein Bedürfnis, Menschen aufzusuchen, erregt mit ihnen zu plaudern und sie mit seinen Plänen zu unterhalten. Aber dem genauen Beobachter konnte nicht entgehen, wie sehr ihn jenes Erlebnis in den Tiefen aufgewühlt hatte.
Als seine Papiere geordnet waren, steckte er sich gleich bei einem studentischen Freunde am Schiltigheimer Ring in bürgerliche Kleidung. Dann wanderten sie durch den Contades mit seinen nunmehr unbelaubten Riesenplatanen in die nervös lebendige Stadt.
Sieh da: zwei Plakate werben um Aufmerksamkeit! Schwarz-weiß-rot das eine umrandet: »Elsässer, denkt daran, daß ihr deutschen Stammes seid! Wollt ihr euch einem fremden Volke ausliefern, das euch weder achtet noch liebt?« Daneben jedoch, in blauem Drucke, zweisprachig: »L'heure de la liberté a sonné« — o weh! Und am Schluß: »Vivent la France et l'Alsace-Lorraine réunies à jamais!.«
Ja, da war er wieder, der unglückselige Zwiespalt, der das Elsaß zerriß!