Und daneben ein roter Zettel, die beiden andren überleuchtend: »An die Bürgerschaft der Stadt Straßburg! Wie in allen anderen Städten hat sich auch in Straßburg ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet. Er hat die öffentliche Gewalt in seine Hand genommen. Die bisherigen reaktionären Mächte sind abgesetzt ...«

Die beiden Freunde wandern nach dem Kleberplatz. Sie sehen die Menge mehr und mehr anschwellen; französische Sprache wird lauter und kecker, oft im Munde von Gassenjungen, die kaum ein paar Worte können. Überall eifriger Redetausch; etwas wie Hohn und Haß, das zutage drängt. Eine Gruppe summt um das Kleberdenkmal; es wagen sich Rufe heraus: »Vive la France!« Einige Jungen klettern empor und hängen dem General einen Lorbeerkranz um die Schulter, schieben ihm zwei blau-weiß-rote Papierlaternen in die Hände. Und da und dort tauchen in frecher Haltung bereits Burschen auf, die im Knopfloch blau-weiß-rote Rosetten tragen ... Es gärt und brodelt in Straßburg ... Kraftwagen mit roten Fähnchen rattern durch die Stadt. Am Münster weht die rote Fahne.

Der letzte Statthalter, vor kurzem noch ein glänzender, um die Stadt hochverdienter Bürgermeister, hat sich zurückgezogen; die Offiziere im Gouvernement bauen ihre Tätigkeit ab. Trotzendorff sucht bis zuletzt zu retten, was zu retten ist. Diese Revolution ist kein Gewaltereignis, kein Gewitter; man bemerkt sie von außen wenig; sie ist der gleichzeitigen tückischen Grippe vergleichbar und verbreitet sich mit der unheimlichen Schnelligkeit und Unfaßbarkeit einer Seuche. Wer regiert eigentlich? Man weiß es kaum. Unbekannte von gestern!

Noch duckt sich der kleine französisch gesinnte Teil der Straßburger Bevölkerung. Die revolutionäre Regierung verbietet das Tragen von Landesfarben. Doch Geduld! Nächste Woche ziehen die Franzosen ein! ...

Und dann?

Gustav und sein Freund wandern bangen Gemütes am Kaiserplatz entlang. Sie kommen an das Kaiser-Wilhelm-Denkmal: das bronzene Reiterstandbild ist durch ein häßliches Holzgerüst verdeckt; auch der tote Kaiser ist also abgesetzt! Einige elsässisch und französisch redende junge Leute stehen davor und ermuntern sich offenbar wechselseitig in einem zunächst scherzhaft hingeworfenen Plan, der aber ekle Wahrheit werden sollte. »M'r hole 'ne 'runter!« versteht Gustav. Und jäh erschrickt er und nimmt seinen Freund unter den Arm, gleichsam Schutz suchend: denn da steht ja wahrhaftig auch der Apotheker, rund und vergnügt, in flottem bürgerlichem Kleid! »Die sind vom Cercle des étudiants«, wirft Gustavs elsässischer Begleiter verächtlich hin; »komm, sonst kribbelt's mich, einem oder dem andren den Stock über den Schädel zu hauen. Das kriecht jetzt wieder aus allen Löchern heraus und über die Grenze herüber!«

Sie entfernen sich raschen Schrittes. Gustavs Herz pocht zum Zerspringen. Jetzt wird auch Georges Bieler bald wieder im Lande sein! Herr im Himmel, nur fort aus dem Elsaß! Hier wartet ja überall die Hölle!

In der Kaiser-Friedrich-Straße holt sie ein befreundeter Arzt ein. »Woher? Wohin?« fragt man sich. — »Ich? Das werden Sie schwerlich erraten. Ich habe mir eben vom Arbeiter- und Soldatenrat eine Wache vors Haus erbeten. Man hat mich bedroht, und ein Anschlag ist mir verraten worden.« — »Aber Sie sind doch Alt-Elsässer?!« — »Gewiß! Mein Verbrechen ist unser Telegramm an Wilson oder meine deutsche Gesinnung. Sie glauben nicht, was für ein gemeiner Haß in den Tiefen unsres Volkes schwelt — nicht ehrlicher, nicht begründeter, nein, heimtückischer Haß, Freude am Gemeinen als solchem! Bei unseren Feinden entlädt sich dieses Gift gegen Deutschland schon lange; auch der Waffenstillstand ist ja von niedrigstem Haß diktiert. Bei den Roten bekundet er sich im Haß gegen die Reichen. Und hier in Straßburg wirkt beides zusammen. Die Welt ist krank an der Haß-Grippe. Und wir haben keinen Spezialisten für diesen unheimlich schweren Fall ...«

So häuften sich die Erfahrungen in Straßburg.

Gustav eilte wie gehetzt nach Lützelbronn zurück. Ihn überkam eine ungeheure Angst. Nur jetzt fort! Aus dem Elsaß fort! Aber — — nach Heidelberg? War denn nicht auch dort Revolution?