Zu Hause erfuhr er von der verstörten Lisy, daß dem Pfarrer Drohbriefe aus dem eigenen Dorfe zugegangen waren: man werde ihn noch totschlagen, ehe er das Dorf verlasse.
Dann kam ein Lehrer aus dem hinteren Vogesental durchgewandert; seine Gattin stammte aus Altdeutschland. Auch er war im Begriff, zu seiner bereits in Sicherheit gebrachten Familie über den Rhein zu flüchten.
»Und stellen Sie sich vor,« berichtete er bekümmert, »ich war Soldat, ließ mein Schulhaus im Schutz der Gemeinde zurück — und wie find' ich's wieder? Meine kostbare Bücherei beschmutzt und zerfetzt, meine einzigartige Briefmarken- und Schmetterlingsammlung gestohlen, meine Möbel und Bilder verschandelt! So verdirbt man mir mein sauer verdientes Eigentum! Als ein halber Bettler zieh' ich jetzt über den Rhein, ich, ein deutschgesinnter Elsässer! Merken Sie aber die Hauptsache: es war deutsche Einquartierung, die mir das angetan hat!«
Der Mann schied von seiner Heimat, in seinem Rucksack etliche Habseligkeiten davontragend, um sich jenseits des Rheines ein neues Leben zu zimmern. Viele sollten ihm noch folgen ...
Und nun marschierten heimziehende Soldaten durch Lützelbronn, tapfre Mannschaften, die bis zuletzt ihre Stellungen in den Südvogesen verteidigt hatten.
Unter ihnen tauchte ein Leutnant auf, der mit Gustav von der Universität her bekannt war.
»Ach, Freund, Freund,« rief der gutherzige Schwabe mit Tränen in den Augen, als er seinem gepreßten Innern Luft machte, »kein Neckar und kein Rhein waschen diese Schmach von Deutschland ab. Ich habe nächtelang nicht geschlafen. Meine Mutter ist Tirolerin. Und nun hocken die italienischen Katzelmacher in jenen herrlichen Bergen! Südtirol von der Salurner Klause bis zum Brenner ist seit Beginn des Mittelalters von Deutschen bewohnt. Die Bevölkerung hat einstimmig erklärt, nicht von Nordtirol abgetrennt werden zu wollen. Dennoch, diesem klaren Entschluß und dem Wilsonschen Programm zum Trotz, hausen jetzt dort die Italiener, denken Sie sich, und wollen das Land bis zum Brenner von uns losreißen, gut deutsches Land, das ich durch meine Mutter lieb habe wie mein Heimatland! Und über München regiert ein Galizier! Diesen Unfug lassen sich die derben Bayern gefallen! Und überall in diesem Elsaß so viel Gehässigkeit — es erwürgt mich, Freund! ... Ach, das liebe Elsaß! Seit Mai 1915 bin ich hier an der Front. Ich hab' euer Ländle unendlich liebgewonnen. Und mehr als das: ich hab' ein wundervolles, reines Mädle hier gefunden, das mich lieb hat. Aber ich bin halt evangelisch — und sie ist katholisch. Wir haben uns trotzdem ewige Liebe geschworen, obschon ihr Pfarrer — ein übrigens wahrhaft guter Mann — seine Bedenken hat. Was dieses Weib mir in all den schweren Seelenkämpfen gewesen ist, kann ich nicht in Worte fassen. Gestern hab' ich ihr ade gesagt. Ich werde dieses Gesicht und diese Tränen nie vergessen. Sie ist der Kirche gehorsam; sie will bleiben. Aber sie weiß — sobald sie zu mir nach Stuttgart kommt, ist sie vor Gott und Menschen meine Frau. Ich dränge sie nicht; ich hab' kein Wort über die Lippen gebracht; Kuß und Tränen war alles. Nennen Sie mich weichlich, lieber Freund, meinthalb, aber — es ist halt zu viel, gar zu viel, was jetzt auf ein treues deutsches Herz einstürmt!«
So kummervoll schied dieser Schwabe, der letzte der vielen deutschen Soldaten, die während des vierjährigen Weltkrieges im Pfarrhause von Lützelbronn Einkehr gehalten hatten.
Unmittelbar nachher war auch Gustav verschwunden.
Fanny kam herüber und brachte einen zornflammenden Brief Erwins; sie legte ihn schweigend auf Onkel Arnolds Tisch. Der wunde Krieger in seinem fernen Lazarett war empört über all die Vorgänge; und er schrieb betrübt, daß er nun allein liege, voll Weh um das Elsaß, voll neuerwachter Sehnsucht nach Fanny und den Freunden, mutterseelenallein, trotz der vielen Leute um ihn her — denn der Sonnenschein sei auch aus diesem Hause verschwunden, wie aus der ganzen Zeit: Dirk und Hertha seien nach ihrer westfälischen Vaterstadt abgereist.