Man schaut von dort weit hinaus in das elsässische Land.

In diesem Birkenwäldchen grub man Gustavs Grab.

Das Kreuz darauf war gleichfalls aus lichtem Birkenholz. Die runde Holztafel in der Mitte, nach Art der Kriegergräber, enthielt nur Namen und Datum.

Das Grab war von Kränzen, Blumen und Immergrün gänzlich zugedeckt. Ein Stechpalmenkranz — ein Dornenkranz — hing am Kreuz. So lag dieser Tote, den sie aus den Wasserrosen emporgezogen hatten, allein und abseits, wie er im Leben scheu und einsam gewesen war.

Fanny war in einem furchtbaren Zustand. Sie weinte nicht, sie sprach nicht. Sie irrte wie ein Schatten umher oder schloß sich ein. An nichts mehr legte sie Hand an; für nichts mehr hatte sie Teilnahme. Kaum aß sie das Nötige auf ihrem Zimmer.

Die Bewohner von Lützelbronn waren erschüttert; auch die ungünstig gesinnten Dörfler verkrochen sich beschämt. Viel ehrliche Teilnahme wagte sich zum Abschied heraus und gab sich in unbeholfenen Worten und manchem Händedruck dem Pfarrer kund, der in einer ergreifenden Grabrede seinen Schmerz entladen hatte.

Schon war der Möbelwagen abgefahren; Arnold selbst wollte am nächsten Morgen folgen. Fanny hatte auf Lisys besorgte Frage, was sie zu tun gedenke, nur mit wegwerfender Handbewegung und bitter gekräuselten Lippen kurz geantwortet: »Ich bleib', wo ich bin — oder geh' zu Georges nach Frankreich!« Mehr war aus ihrem verschlossenen, ja verkrampften Zustand nicht herauszubringen. Man sah nur, daß sie entsetzlich litt.

Arnold hatte nach seiner Gewohnheit das schauerliche Erlebnis in der Stille verarbeitet. Jetzt wollte er versuchen, Fanny vor dem Äußersten zu bewahren. Man fürchtete ernstlich für ihren Verstand. Er ging ihr nach. Aber sie war bisher jeder Unterredung ausgewichen.

An jenem letzten Abend jedoch traf er sie im Birkenwäldchen an seines Sohnes Grab. Wieder suchte sie mit nervöser Hastigkeit zu entfliehen. Doch er trat ihr in den Weg, breitete beide Arme aus und bat in so schlichten, zu Herzen gehenden, eindringlichen Worten, ihm endlich zu gestatten, ihr wenigstens in der Stille Ade zu sagen, daß sie mit hängenden Armen vor ihm stehen blieb, wie ein gefangenes Wild.

»Sieh, Fanny,« sprach er, und der ganze Schmerz der letzten Tage zitterte noch in der Stimme nach, »so dürfen wir beide nicht auseinandergehen. Willst du denn auch mich zusammenbrechen sehen, wenn du dich so gegen mich verstockst und verbitterst? Ich habe keine Tränen, so wenig wie du. Wo soll man denn anfangen zu weinen — und wo aufhören? Zwischen euch beiden Kindern zu wandern, das war meines Lebens letztes Glück und einzige Freude. Und jetzt? Heimat und Kinder sind mir genommen. Und das Deutschland meiner Liebe dazu! Denn das Deutschland, in das ich jetzt auswandre, ist nicht das Land meiner Liebe. Ich bin grauenhaft einsam. Und doch — mein Leid um die Menschheit ist noch größer. Und ich würde tausend Opfer bringen, wenn ich nur der Menschheit helfen könnte.«