Fanny hatte sich auf ein Bänkchen gesetzt. Sie fröstelte, zog den Lodenmantel um die Schultern, stützte das Köpfchen in beide Hände und starrte schweigend vor sich hin.
Wie im Selbstgespräch fuhr der Pfarrer fort, dem es Wohltat war, sich durch Aussprache zu erleichtern.
»Es ist mir wie ein schwerer Traum, daß ich da vorgestern gestanden, im schlichten Rock, und meinem Sohn die Grabrede gehalten habe. Mein letzter Gottesdienst im Elsaß! Was für ein Abschluß! Dort die Leute — und vom Turm kein Glockenklang! Und der Text aus Jeremias: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Mit Posaunenstößen möcht' ich's der ganzen Westmark ins Herz dröhnen: O Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! Elsaß, du hast die Liebe verloren! Menschheit, du hast keine Liebe mehr!«
Er atmete heftig, ging hin und her und blieb wieder vor Fanny stehen, doch gleichsam in sich hineinsprechend.
»Sieh, Fanny, ich habe zu Saarburg in Lothringen auf dem Schlachtfeld ein Christusbild gesehen, das mir tiefen Eindruck gemacht hat. Das Kreuz ist zerschossen, der Heiland scheint frei in der Luft zu schweben und die Arme auszubreiten über das Weh der Welt. Segnet er? Flucht er? Ach, Fanny, wir wollen groß sein, wir wollen es dennoch als Segen deuten und nicht als Fluch. Denn aus diesem grenzenlosen Haß muß ja doch, muß eine neue Liebe kommen. Sie muß kommen, denn wir verhungern sonst auch seelisch, wie wir leiblich ausgehungert sind.«
Wieder ging er hin und her, seine Gefühle und Gedanken waren jetzt in mächtiger Bewegung, lösten sich und drängten hinaus. Er rang schweren Atems die Hände und blieb vor dem geschmückten frischen Grabhügel stehen. Der Herbstabend dunkelte; weit irgendwo her aus hohen Lüften klang der Schrei der Wandergans. Eine unendliche Wehmut schwoll über des Vaters Herz.
»Ja, mein Sohn, mein lieber, lieber Sohn,« sprach er, mit Tränen kämpfend, »ich will dennoch, dennoch nicht irre werden im Glauben an das Gute, an das Göttliche hier auf Erden, wenn auch deine liebe Seele zusammengebrochen ist. Ich will trotz dieser Niederlagen, die Deutschland und die ich persönlich erlitten habe, die Waffen an ein neues Geschlecht weiterzugeben versuchen. Das gelob' ich dir hier an deinem Grabe. Dir ist kein Heldentod draußen bei deinen Brüdern auf dem Schlachtfeld beschieden gewesen; im Nebel, einsam und verirrt, hast du dich von uns fortgeflüchtet. Gott wird deine Seele wiederherstellen — —«
Seine Stimme brach. Die Wohltat der Tränen ward ihm zuteil. Er tastete nach Fannys Hand und hielt sie fest. Sie zuckte auf, kämpfte eine Weile mit sich selbst und stieß plötzlich hart, heiß, aus gequälter Brust die Worte heraus: »Ich kann nicht weinen wie du — und will nicht weinen — und will nicht beten — und will nicht an Gott glauben — und an nichts. Geh nur, Onkel Arnold! Laß mich allein — auch du!«
Sie riß die Hand los und sprang auf. Aber in ihrem leidenschaftlichen Herzen begann es zu tauen. Sie hatte die Rede wieder gefunden. Mit heißen, trockenen Augen starrte sie ins Leere. Und ein angestauter, zorniger Schmerz ergoß sich in wilde Anklagen gegen Gott und Welt, und vor allem in Verwünschungen gegen Deutschland.
»Nein, an nichts mehr glaub' ich — an nichts! Am wenigsten an euer Deutschland, an das er so geglaubt hat. Diese würdelose Nation, die erst mit dem Säbel rasselte und jetzt um Frieden winselt! Läßt sich von hergelaufenem Gesindel regieren! Wieviel brave junge Menschen liegen tot — und Lumpenpack regiert! Ist das euer Deutschland? Nein, nein, ich will nichts hören von biblischen Redensarten und Land, Land! — Alles falsch! Ich fahre nach Frankreich zu Georges — ich bleibe bei Georges! Der nimmt die Welt, wie sie ist, der hat mir nie idealistische Phrasen vorgelogen wie ihr! Jetzt zeigt sich's, daß er recht hat! Die Franzosen sind Sieger — und ihr unfruchtbaren Träumer und Phrasendrescher seid zusammengebrochen! Nein, ich will nicht zu den Deutschen. Wie unstolz sind diese Leute, beschimpfen ihren Kaiser, sind feig und schieben die Schuld auf diesen Sündenbock ab! Wie grundgemein! Wo ist denn da Liebe? Wo Vornehmheit? Wo Ehrgefühl? Wo, wo, wo?! Das hat diesem guten Gustav das Herz gebrochen! Das allein! Ihr Deutschen habt ihn umgebracht!«