So entlud sich das leidenschaftliche Kind.
»Großer Gott, ja,« seufzte der Pfarrer, »ich kann dir nicht widersprechen, Fanny. Wo aber mögen Liebe und Ehre hingezogen sein? Etwa nach Frankreich, zu den schwarzen und braunen Völkerschaften, die man gegen uns herangehetzt hat? Und war denn nicht auch Gustav ein Deutscher?«
»Nein! Ein Elsässer!«
»Hat er nicht Schulter an Schulter mit deutschen Kameraden den gemeinsamen Feind bekämpft?«
»Weil er mußte! Innerlich ein Abgrund! Er war immer einsam, weil er zu vornehm war. Er hatte dich und mich — ach, und selbst uns kaum — er hatte kein Volk, kein Vaterland. Er ist nur auf die Erde gekommen, um zu leiden. Und auch ich habe ihn nicht erlösen können — und niemand! Ach, die ganze Menschheit ist voll Gift und Galle und niedriger Gesinnung. Am meisten aber Deutschland. Und Deutschland ist am schuldigsten, denn es hat immer die größten Phrasen gemacht von Idealismus und deutschem Gemüt und gar von der berühmten deutschen Treue! Treue? Hahaha! Ich lache! Ich geh' nach Frankreich, werf' mich dem ersten besten — — nein, ich geh' in die Lazarette und pflege Franzosen gesund, daß sie wieder schießen können — auf Deutschland!«
»O Fanny, Fanny! Also Revanche? Rache? Auch du?! Und hast du dann den Vorrat von Liebe und Güte in der Welt vermehrt? Glaubst du, daß deine Absicht im Sinne des grundguten Menschen ist, der hier unter dem Rasen liegt?«
»Grundgut, ja, das war er!« Es klang weicher, wie von einem Aufschluchzen begleitet. »Gut war er. Ach, Onkel Arnold, da liegt der letzte gute Mensch begraben. Ja, gut, gut! Und ich bin schlecht genug, keine Tränen zu finden. Ach Gott im Himmel droben, gib mir Schlaf, gib mir Tränen und Gebet — denn ich halt's nimmer aus! Ich werde wahnsinnig!«
Sie schrie fast vor Schmerz und preßte beide Schläfen. Arnold legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
Jetzt fühlte er den Augenblick gekommen, wo ihr Inneres zugänglich wurde.
»Fanny, ich hab' einen letzten Gruß von ihm an dich.«