Der mir so lieb war,
Frisch grünendem Hügel ...
Mörike
Dirk an seine Mutter.
Liebe Mutter! Diesen Brief schreibt für mich die Hand eines Kameraden aus dem Elsaß, der mit mir im Lazarett liegt. Nimm demnach an der fremden Schrift keinen Anstoß. Es ist Erwins Hand; aber es ist mein Herz. Ich kann ihm alles anvertrauen. Wir haben Freundschaft geschlossen.
Quäl' dich nicht, Muttchen, daß du mir kein Futterpäckchen schicken kannst! Sieh, was du mir schickst, ist tausendmal mehr wert. Wie herrlich die Worte, die du mir schreibst! Wüßtest du, wie sie mich heimlich begleiten, mir alles vergolden, das Schwere leicht machen! Ich küsse deine lieben Hände, die mir so viel Schönes schreiben, liebes Mutterherz!
Es ist Sonntag. Vor mir steigt unser schöner Garten auf, darin ihr nun in der Laube sitzt. Und vor mir steigen viele, viele solcher deutschen Sonntage aus der Kinderzeit auf. Wie hast du uns doch gut gelehrt, Sonntag zu feiern! Heute danke ich dir dafür. Ich lese zur Nachmittagsfeier deine lieben Briefe, die Auszüge aus Büchern, aus denen du so treu und fleißig schöne Stellen abschreibst, und den Faust! So bin ich im Geiste bei euch, immer, Mutti, immer!
Weißt du, wie du uns einmal sagtest, es läge ein so großer Trost darin, daß der Himmel mit all seinen Sternen sich über die ganze Welt spannt? Denn man ist bei solchem Aufblick in das Weltall niemals allein; man braucht nur abends die Sterne zu grüßen, so schwingt die Seele mit; und von den Sternen her kommen silberne Strahlen, die uns irdisch Getrennte miteinander verbinden. Wie oft habe ich in stillen Sternennächten daran gedacht!
Ach ja, deine Märchen! Wir meinten in unsrer Jugend, du hättest ein großes, großes Märchenbuch, daraus du sie alle wußtest — und es war doch nur dein großes Herz! Wie schade, daß du sie nicht aufgeschrieben hast, all die lieben Märchen! Sie sind aber in meinem Herzen aufgeschrieben und kommen oft zu mir, die vertrauten Gestalten. Mutterchen, das sind Schätze, die mir kein Schicksal rauben kann. Ich meine oft, ich müßte schon deshalb heimkommen, um all die Liebe einigermaßen zurückzahlen zu können, die ich einst als Selbstverständlichkeit gedankenlos von dir hingenommen habe. Aber kann man denn dies alles einer Mutter vergelten? Uralt möcht' ich werden, Mutti, um dir lebenslang Dankbarkeit erweisen zu dürfen.
Stell' dir ja nicht vor, daß ich hier im Bett Trübsal blase vor Heimweh und Angst um das bißchen Leben! Ach nein, dazu neigen weder mein heiterer Erwin noch ich selbst trotz aller Geduldsproben. Wir lesen und lernen immer weiter. Da durchblätterten wir eben Fidus-Bilder und sind entzückt von der leichten Anmut dieser immer jungen, durchgeistigten und beseelten Gestalten. Den Faust freilich, mit dem ich auszog, hab' ich nicht mehr: er ward verschüttet im Trommelfeuer und liegt begraben in Flanderns Erde. Aber deine Abschriften hab' ich auf dem Herzen gerettet. Und mein Erwin ist unermüdlich, mir vorzulesen. Hölderlin und Mörike sind eben der Gegenstand unsrer Liebe. Meister Raabe macht ihn, den Süddeutschen, freilich manchmal ungeduldig. Auch hat er sich jetzt in ein Buch vertieft: »Jesus im Urteil der Jahrhunderte«. Es ist staunenswert, mit welcher Leuchtkraft die Gestalt des Heilands in den Herzen der Menschen immer wieder verjüngt erstanden ist. Ob sie auch in Deutschland und Europa wieder einziehen wird, wenn sich einmal dieser Irrsinn des Völkerhasses ausgetobt hat?