Ich habe neulich Uhdes »Flucht nach Ägypten« gesehen. Bilder machen mir überhaupt viel Freude. Da empfand ich ein Stück meiner Lebensaufgabe. Diese traurigen, ganz armen Menschen müssen vor dem Haß flüchten, friedlose, heimatlose Unglückliche, wie sie auch in Deutschland millionenhaft durcheinanderwimmeln, besonders in den Fabrikstädten. Ihnen praktisch helfen, alles andere gering achten, nicht am Zeitgeist herumnörgeln, sondern bei sich selber mit der neueren, reineren Denkart gründlichst beginnen — sieh, das haben Erwin und ich einander gelobt. Es ist furchtbar einfach und furchtbar schwierig. Denn wie soll man in rechter Weise an die Seelen der Menschen herankommen? Ich habe wenig, wenig bisher getan, aber glaube mir, Mutter, Deutschland muß von innen heraus erneuert werden. Und wir müssen alle mitarbeiten, damit recht viele Menschen so werden wie — wie du, mein goldiges Muttchen! Damit ist alles gesagt.
Wenn Hertha kommt, so wird das ein Festtag sein. Ich übe mich inzwischen in der Tugend der Geduld. Es ist eine Folter, hier faulenzend stillhalten zu müssen, während unsere Kameraden sich draußen opfern. Und der Opfergedanke, liebe Mutter, ist doch das Größte, was die Welt kennt.
Ich grüße und küsse euch herzlich
Euer Dirk.
Hertha an ihre Mutter.
Mein liebes Mutterle! Eben habe ich Dirk gesehen, ich komme vom Lazarett. Wie hat sich der Junge gefreut! Du weißt ja, wie er dann ist, er sagt nicht viel, aber er strahlt.
Leider habe ich mich ziemlich unbedacht eingeführt: ich hatte Lilien mitgebracht, ohne zu bedenken, daß sie doch sehr stark duften. Dirks Kamerad, Erwin Ehrmann, der lange Elsässer, von dem wir ja schon wußten, saß gerade bei ihm auf dem Bettrand und las ihm vor. Er war der erste, den ich sah, brach mitten im Wort ab, als ich eintrat, und starrte mich an, als ob er einen Geist sähe. Dabei bin ich doch wahrhaftig nicht blaß zu nennen, und mein hellblaues Kleid sieht auch nicht nach Geisterspuk aus. Dann beugte sich Dirk vor und rief: »Hertha!« Und ich stand mit meinem dicken Lilienstrauß ein Weilchen recht dumm da, bis ich zu einer richtigen Begrüßung Mut und Worte fand. Danach ist es aber wunderschön geworden. Der Elsässer war so taktvoll, aus dem Zimmer hinauszuhumpeln, damit wir ungestört plaudern könnten. Dirk konnte mir nicht genug sagen, was es für ein lieber Mensch sei, dessen natürliche Heiterkeit ihm sehr wohltue. Und ich hatte denselben angenehmen Eindruck.
Mein lieber Dirkbruder ist schmal geworden, aber seine stille Frohnatur ist unverändert. Es geht ein so schönes Leuchten von ihm aus wie immer. Ich habe ein Stündchen an seinem Bett gesessen und ihm unendlich viel von dir erzählt. Hoffentlich darf er bald in unser Lazarett, damit wir ihn in der Nähe haben. Ich werde gleich morgen mit dem Oberstabsarzt sprechen.
Es ist mit Dirk sonderbar; als ob er einen Panzer um sich hätte, durch den nichts Gemeines hindurchdringen kann. Wieviel Häßliches muß man als Jugend- und Armenpflegerin anhören! Aber Dirk und ich sind ja so gut beschützt. Unser Panzer heißt Liebe. Und du, lieb Muttchen, hast ihn geschmiedet. Wir danken dir mit jedem Atemzug.