Jetzt ist ein wundervoller Abend. Ich sehe durch das Fenster des Gasthofes auf einen schlanken Kirchturm, hinter dem ein erster Stern sichtbar wird. Nennst du mich nicht oft dein Sternenkind, lieb Mutterle, weil ich Sterne so lieb habe? Aber die Sterne im Himmel des Menschenherzens habe ich noch lieber. Unser größter Reichtum ist doch der Mensch. Und wenn ich einen liebenswerten Menschen kennen lerne, so empfinde ich das wie ein Gottesgeschenk. Herzensmuttchen, das hast du uns gelehrt in deiner stillen, besinnlichen und so unaufdringlich feinen Art!

Meine Reise verlief herrlich; ich habe gelesen, geplaudert, geträumt — verzeih, das tu' ich nun einmal so gern! — und habe den Text zur Schlußandacht meines nächsten Unterhaltungsabends durchdacht: »Gott wird abwischen all' ihre Tränen« (Offenb. 7, 17). Der Betrieb auf der Bahn war furchtbar. Aber ich sage mit meinem Schiller: »In des Herzens heilig stille Räume mußt du fliehen aus des Lebens Drang«. Dieses innere Reich kann uns niemand nehmen.

Unterwegs, in meiner vierten Klasse, wo man bekanntlich den Mitmenschen näher kommt als in der zweiten, dachte ich über mein Ziel nach. Die gebildete weibliche Jugend zurückgewinnen für Gott, ihr helfen in ihren Zweifeln, ihr die Augen öffnen für soziale Hilfe; die erwerbende Jugend erziehen zu freudiger, beseelter Berufsauffassung, zu mütterlichen Menschen; den Arbeiterinnen das Formgefühl für die Gestaltung des Lebens verfeinern in edlen Erholungsstunden — was für Aufgaben! Ich saß neben einem nett gekleideten alten Herrn und las von Zeit zu Zeit in meinem Buch. Da kam ein Kriegskrüppel herein und verkaufte Postkarten. Ich fragte ihn, wo er seine Wunden erhalten und dergleichen mehr. Da streifte der Mann seine Hosen auf und zeigte seine schweren Narben (manche Gans hätt' es vielleicht unschicklich gefunden), und wir sprachen hin und her. Dem Ärmsten tat unsere Teilnahme wohl. Als er weiter gehinkt war, kam ich mit meinem Nachbarn ins Gespräch. Er freute sich, daß sein ältester Sohn unterm Rasen lag und kein Bettelbrot suchen müsse. Und da war sie wieder, die schöne Erfahrung des Krieges: das gemeinsame Leid schlug eine Brücke von Seele zu Seele. Wir berührten tiefste Fragen; wir sprachen über das Leid, den Tod, das Fortleben der Seele, über Gebetserhörung und solche stillen, tiefen Dinge. Er bekannte sich als Katholiken und gestand, daß er bezüglich Seelenmesse und Fegfeuer viele Kämpfe durchgemacht habe. Ich sagte, was ich vom Wert des Leides zu sagen wußte, und bat ihn, seinem noch ungefestigten jüngeren Sohn, der auch Soldat ist, recht viel und warm zu schreiben, damit der starke Strom der Elternliebe dort eine Kraft bleibe. Denn ich weiß ja, wie deine Briefe, Muttchen, für Dirk Freude und Kraft sind.

Mutterle, es reisen jetzt viele Hetzer und Schimpfer in den Eisenbahnen; man sagt, sie seien bezahlt. Warum reisen keine Boten Gottes, um unauffällig das Gute zu wecken und das Edle zu ermutigen? Auf jedem Bahnhof kann man zotige Sachen kaufen: warum sammelt man keine edelmenschlichen Züge und schickt sie mit dem allerschönsten Bilderschmuck in die verarmte Menschheit hinaus?

Die Kinder der Welt machen sich oft lustig über die Kinder Gottes, als ob fromme Menschen Trottel wären. Wir sind aber weder dumm noch trottelhaft, wohl aber häufig feig. Das Laster hat eine Art Mut, denn es hat Frechheit. Hätten die Guten doch denselben ruhigen Mut, sich zum Göttlichen zu bekennen!

Es ist inzwischen Nacht geworden, ich beende diesen Brief und den reichen Tag. Meine Lilien hab' ich wieder mitgenommen; aber es sind nur noch drei: eine hat sich Dirk auserbeten, eine andre sein Freund Erwin. Der letztere scherzt und neckt gern, er hat mich gleich Lilienfee oder Lilofee getauft.

Gut' Nacht, Mutterle! Könnt' ich doch morgen Dirk losbekommen und in sein Heimatlazarett mitbringen! In die Sterne schauend, grüßt dich innig

Dein Sternenkind Hertha.


Erwin an Dirk.