Welch eine Nachricht! Ich bin betäubt vor Kummer und Schmerz. Herr im Himmel, warum müssen unsere Besten so dahingehen! Die Kunde hat mich wie ein Donnerschlag getroffen. Wenn ich nicht durch Dirk mein Gottvertrauen so vertieft hätte, ich würde verzweifeln. Da liegt man mit seinem Klumpfuß, muß dieses alles über sich ergehen lassen und kann sich nicht wehren, kann nur knirschen, fragen, immer wieder fragen, was denn Allvater mit seinem deutschen Volke vor hat, daß er uns im einzelnen und im ganzen so furchtbar prüft. Ihr Sohn Dirk war der reinste und bei so jungen Jahren reifste Mensch, den ich in meinem Leben kennen gelernt habe. Wir hatten uns schon in Flandern, in den heillosen Schlachten um Ypern, kurz berührt; doch wahrhaft befreundet haben wir uns erst im Lazarett. Seine Freundschaft war das Glück dieser Leidenszeit, in der ich ja auch meine elsässische Heimat verloren habe. Dirk hat mich wieder fromm gemacht. Wir hatten schon davon gesprochen, daß ich das Weihnachtsfest mit ihm bei seiner über alles geliebten Mutter und bei seiner nicht minder teuren Schwester verleben dürfte. Ach Gott, wir träumten beide, daß wir dann gesund seien und mitarbeiten wollten, das schwergebeugte Deutschland wieder instand zu bringen. Nun ist es dahin! Verehrte Frau, Sie dürfen auf diesen Sohn im edelsten Sinne stolz sein. Wir jungen Leute haben einander ganz vertraulich das Herz geöffnet, auch mit unsren Kämpfen und, meinerseits, Irrungen; ich habe in diese reine Seele schauen dürfen — oh, es war ein ganz entzückendes Kunstwerk! Und dieses Kunstwerk ist Ihr mütterliches Verdienst. Gott segne Sie dafür und stärke Sie in Ihrem großen Schmerz!

Dirk lebt im jenseitigen Reiche. Immer stärker glaube ich an dieses unsichtbare Land. Es wandern so viele Tüchtige dahin aus, die unsre Gedanken und Gefühle unwillkürlich nachziehen. Der Tod hat seine Schrecken verloren. Und mir geht ein gewaltiger Gedanke durch Kopf und Herz: ob der Herr über Leben und Tod grade die hinüberruft, die er drüben braucht? Denn leuchtendes Leben, Liebe, Schaffen ist doch gewiß auch dort! Und mein Freund Dirk ist nun unter diesen Leuchtenden und Liebenden, die von drüben her an der Menschheit, an unsrem armen Deutschland mitschaffen.

Grüßen Sie die Dirkschwester, die ich herzlich bitte, mir ausführlicher über ihn zu schreiben, und seien Sie meiner innigsten Teilnahme nebst lebenslanger Dankbarkeit versichert!

Ihr tiefbetrübter

Erwin Ehrmann.


Hertha an Erwin.

Lieber Herr Ehrmann!

Über Dirk soll ich Ihnen schreiben. Ach, wie gern tu' ich das! Wir denken, fühlen, reden und schweigen ja nichts andres Tag und Nacht als Dirk.

Sein Leben war Schönheit, stille Freudigkeit und strahlende Reinheit. Um uns beide, die wir frühe den Vater verloren haben, waren die starken, schützenden Kräfte der Mutter. Und hinter der Mutter mit ihrer gesammelten Kraft und Wärme standen höhere Mächte, Schutzgeister, die wir in oft geradezu wunderbarer Weise an der Arbeit fühlten. Wir sind in den Wuppertaler Formen der Frömmigkeit erzogen, ohne engherzig zu sein, auf werktätige Liebe eingestellt. Aber auch die Kunst, besonders Malerei, und die Natur sind uns Erzieher geworden. Dirk und ich schauten gern gute Bilder, und Blumen sind immer auf meinem Tische; auch hatte er an den neuerdings wieder aufgekommenen Reigentänzen und Volksliedern ebensoviel Freude wie ich. Und wie sind wir miteinander gewandert in Sturm und Regen, in Frühlingslust und Sommersonne, am Meer, in Wald, Heide, Bergen! Wir haben mit allen Poren Natur eingetrunken. Und mit dieser Sonne im Herzen, braungebrannt von Luft und Wind, ist dann Dirk zur sozialen Arbeitsgemeinschaft nach Berlin-Ost gegangen und hat seine Lebensfrische den Arbeitern gebracht. Es ging ein Zauber von ihm aus. Das haben mir viele gesagt. Wer nicht mehr an den reinen deutschen Menschen glauben konnte, der brauchte nur diesen sonnigen Jungen anzusehen.