Goethes Lieblingsstätte ist so nahe, daß man aus den Fenstern zu dem daselbst Stehenden hinüberplaudern könnte. Und vom Altan aus hat man dieselbe Aussicht auf den edelgeschwungenen, westwärts in den Rhein dahingleitenden Neckar, wie einst der weimarische Dichter, der jene Stätte an der umsponnenen Mauer um die Zeit seiner freundschaftlichen Liebe zu Marianne von Willemer besonders liebgewonnen hat. Auch der Gingo-Biloba-Baum, der in Lied und Briefworten jener Tage genannt wird, steht noch in den weitläufigen Schloßanlagen. Und zarte Romantik genug wittert überall in den Lüften, die im Mai von Blüten, Bienen und Vogelsang üppig begnadet sind. Niemals auch entschläft hier die immer neu aus der Universitätsstadt heraufquellende Zechromantik Scheffelschen Tones. Und der alte deutsche Wanderdrang fühlt sich oft mit Rucksack und Laute in diesen einst so roh gesprengten, samt der ganzen Pfalz fürchterlich verwüsteten, doch in einzigartiger Ruinenschönheit wohlerhaltenen Schloßbezirk getrieben.

Hier hatte Frau Cäcilie Lobsann-Schultheß, von Zürich kommend, Gatten und Heim erwählt. In ihrem überaus anmutvollen Wesen waltete wieder ein Hauch des weimarischen und des romantischen Geistes deutscher Dichtung und deutscher Fraulichkeit.

Es war in jenen November- und Dezembertagen eine milde, helle Witterung mit nächtlichem Sternenschein und dunstfreiem Vollmond. Zögernd nur wichen die reinen Abendröten hinunter, nachdem sie sich lange im wellenlosen Spiegel des farbenschimmernden Neckarstromes gelabt hatten. Der Bismarckturm drüben am sanft ansteigenden Hügel stand massig unter den abendlichen Farben. Er hatte in mondhellen Sommernächten manchem Fliegerkampf über dem unfernen Mannheim-Ludwigshafen zugeschaut. Oh, wie dann die dumpf donnernde Luft durchzuckt war von ununterbrochenen Schrapnell-Blitzen der heftig abwehrenden Geschütze! Jetzt lag das blutgetränkte Europa in unheimlicher Ruhe; die Dämonen des Weltkrieges schienen entwichen. Oder waren sie, wie jene nordwärts fliegende winterliche Rabenschar, ins innere Deutschland geflogen und hausten dort in den Geistern der Revolution?

In jenem wuchtigen, einem Palazzo der Renaissancezeit vergleichbaren Bau hatte der ausgewanderte Elsässer Arnold im ersten Stockwerk Zuflucht gefunden. Hier atmete er auf. Er konnte sich keine angenehmere Wohnstätte wünschen. Fanny hatte während der rüstig betriebenen Einrichtung den Schmerz betäubt. Behaglich erwuchsen die schmucken Räume unter ihren fest zugreifenden Händen. Die Bücher standen geordnet und warteten auf Benutzung. Das Speisezimmer bildete den Übergang zum großen Steinbalkon, und daneben war noch ein kleineres Zimmer, worin sich Fanny vorläufig niedergelassen hatte.

Nur vorläufig; denn sie war entschlossen, nach vollbrachter Arbeit in das französische Elsaß zurückzukehren. Niemand suchte das willensstarke, vom Schmerz überschattete ernste Mädchen im Trauergewand an ihrem Entschluß zu hindern, da sie erste Versuche dieser Art sofort zurückgewiesen hatte. Alle waren taktvoll genug, ihr in so wichtiger Lebensentscheidung, ob sie fernerhin zur deutschen oder zur französischen Familie gehören wollte, Freiheit zu lassen. Allein mit der ihrer Schweizerart eigentümlichen Zähigkeit wartete Frau Cäcilie seufzend auf eine passende Stunde zu nochmaligem Angriff; und noch geheimer war Arnolds wehmutvolles Bedauern. Die ebenso lebhaft-natürliche wie herzensgute Hausfrau hatte das junge Mädchen rasch ins Herz geschlossen; beide hatten Künstlerblut. Und dem nunmehr amtlosen Einsiedler war es, als ob mit Fanny das letzte Restchen Heimat am Himmel dahin zu schwinden drohte.

Professor Lobsann, Mediziner und Musikfreund, war beglückt, Gastfreundschaft erweisen zu können. Liselottchen, das gesprächig-liebenswürdige Töchterchen, beherrschte hier den Kreis und trat in Wettbewerb mit der Mutter, deren Reichtum an Einfällen sie geerbt, deren warme Braunaugen sie jedoch abgelehnt hatte, um Vaters Blauaugen vorzuziehen.

Die Kleine war ein bestrickendes Persönchen. Sie hatte im ersten Augenblick Fannys ganze Liebe gewonnen, so daß sie sogar den tüchtigen Schwestern Weller ein wenig untreu wurde, die Lobsanns Haus leiteten. Hatte die etwas an den schweizerischen Tonfall der Mutter erinnernde Sprechweise der Elsässerin ihr Ohr erobert und durch das musikempfängliche Ohr das kleine Herz? Oder die rasche, dabei innige Art, wie Fanny zu liebenswerten Menschen Stellung nahm? Oder die noch von Schmerz durchzitterte Seele der verwaisten Jungfrau? Kurz, das zehnjährige Kind, das sonst sein eigenes Setzköpfchen zu bekunden und sich nicht ohne weiteres anzuschmiegen pflegte, warf sich mit erstaunlichem Zutrauen in die Arme der neuen Freundin. Und wohl mochte die verlassene Braut dabei ahnen, daß ihr das Glück eigener Kinder für immer versagt sei.

Fanny hatte im Balkonzimmer den Tisch geschmückt, soweit es in dieser Jahreszeit möglich war. Der Abend schimmerte herüber. Die Teestunde sollte eine Art Einweihungsfeier werden, in einfachsten Formen. Frau Cäcilie war in einem kornblumenblauen Kleid heraufgeeilt und zog Fanny schnell noch zu einem Plauderviertelstündchen neben sich auf das Sofa.

Und da ergab es sich nun, daß sie plötzlich auf Arnolds Heidelberger Anfangszeit zu sprechen kam.

»Ja, und da wollt' ich noch sagen, Fanny,« plauderte sie in ihrer geläufigen, manchmal umständlichen und begründenden Art, »ist Ihnen nicht auch schon an Professor Arnolds Gesicht das schmerzliche Lächeln aufgefallen? Ich habe diesen wehmütigen Zug, der sich ihm tief eingegraben hat, geradezu entstehen sehen. Denn ursprünglich war er nicht so, er war vielmehr heiter und zu Neckereien aufgelegt, so daß wir in jener allerdings nur kurzen Zeit unserer ersten Bekanntschaft manchen Redestrauß miteinander ausgefochten haben. Es endete freilich immer versöhnlich, und zwar meist mit einer Schokoladetafel Lindt und einem unter Blumen versteckten Verschen. Aber die Geschichte mit seiner Frau — —«