»Daß sie geisteskrank wurde?« fragte Fanny gespannt. »Ich habe nie Näheres darüber gehört.«

»Nein, noch früher. Man spricht ungern davon. Sie war immer ein wenig nervös, ein wenig unbefriedigt und leicht gekränkt, in der wirklich törichten Meinung, daß man sie als Elsässerin nicht voll achte, wozu aber sicherlich gar kein Grund vorlag, wenn man auch einmal auf die Französlinge im Elsaß schimpfte. Und dann, ja, es ist halt traurig zu sagen — dann kam die Verirrung mit dem Studenten. Sie hat ihren Gatten und das zweijährige Bübchen einfach sitzen lassen und ist eines Tages mit einem jungen Mann durchgegangen, um freilich nach ein paar Wochen oder Monaten beschämt und gebrochen wieder heimzukehren. Von da ab war eine Störung in ihrem seelischen Wesen. Man hat die Sache möglichst zugedeckt. Aber schließlich hat man sich die Augen nicht mehr verschließen können, daß sie geisteskrank war. Im Irrenhause ist sie dann gestorben. Es hat ihn furchtbar mitgenommen. Seine Stellung hier war unmöglich geworden. Denn nicht wahr: er selbst vertritt ja so etwas wie philosophischen Idealismus und fühlte den Vorgang als eine öffentliche Niederlage, da er nicht einmal in seiner nächsten Umwelt Ordnung schaffen konnte. Er hat Zeiten gehabt, wo er an Gott und an aller Weltordnung irre geworden ist; aber ausgesprochen hat er sich höchstens einmal zu meinem Mann, und der trägt solche Sachen nicht weiter. Nur die Musik bot dem Vereinsamten immer wieder Trost. Da hab' ich ihn mit meinen Liedern oft erfreuen dürfen. Überhaupt, edle Hausmusik — — obwohl, ich muß es Ihnen halt ganz verstohlen gestehen, liebe Fanny, mich drängt's und reißt's doch auch immer wieder nach dem Konzertsaal. Das liegt mir so von Mutter und Großmutter her im Blut. Sich so recht in Formen der Kunst austoben, eine kunstsinnige Zuhörerschaft hinreißen — ach, Fanny, verstehen Sie das?«

Ja, Fanny konnte diesen edlen Ehrgeiz nachfühlen.

»Ist's das vielleicht, was jene unglückliche Frau gesucht hat?« fügte sie nachdenklich ein. »Hat ihr vielleicht die Befreiung durch die Kunst gefehlt? Onkel Arnold sagte mir einmal, sie habe zu Kunst und Musik kein Verhältnis gefunden. Können Sie sich das vorstellen, Frau Cäcilie? Und er so musikalisch! Und sogar ein Stück Poet wie auch Gustav!«

Und Fanny erzählte von jenem Band »Gespräche«, den sie unter den Papieren gefunden. Sie glaubte die Unterhaltung zwischen Agnes und dem armen Heinrich jetzt noch besser zu verstehen. Und bitter brach auch heute wieder die Klage durch, daß ihr selbst dem Verlobten gegenüber keine Erlösungskraft beschieden gewesen.

Frau Cäcilie tröstete.

»Das ist Schicksal, liebe Fanny. Mit wieviel Widerwärtigkeiten im Haushalt und im Künstlerberuf hab' ich zu kämpfen gehabt! Manchmal hab' ich dagesessen, gänzlich mürb und müde, die Hände im Schoß, und hab' mit Tränen im Auge Gott gefragt: Warum denn mir das alles? Was hab' ich denn Schlimmeres getan als die andren? Da haben mir wertvolle Freunde nebst edel gehaltener Dichtkunst, Religion und Musik wiederum Kraft und Gleichmaß gegeben. Vieles hat sich mir nicht erfüllt. Aber das ist Schicksal, Fanny. Manches Leben zerbricht freilich dabei, wie jetzt Deutschland zerbricht und wie Ihr armer Gustav zerbrochen ist. Aber Sie haben mir ein schönes, schlichtes Wort von Professor Arnold an seines Sohnes Grab berichtet: Gott wird seine Seele wiederherstellen. Ja, das wird der Allgütige tun. Gott wird auch die deutsche Seele wiederherstellen. Und wird auch Sie und mich führen, liebe Fanny, wie es zu unsrem Heil gut ist. Nicht wahr? Denn obschon ich so himmelblau und heiter neben Ihrem schwarzen Kleid sitze — auch ich habe manches durchgekämpft. Und ich verstehe Sie — — ach nein, dich, Fanny! Laß uns einander du sagen! Ist es dir recht, Schwesterseelchen?«

Die beiden Frauen küßten sich und saßen fortan umschlungen wie zwei junge Mädchen, die Freundschaft fürs Leben geschlossen haben. Fanny sprach nicht viel, atmete nur heftig; denn ungeklärte Entschlüsse rangen in ihr, die sie erwog, während die Schweizerin von den Festen im Hottinger Lesezirkel zu Zürich, von den Heidelberger Bach-Aufführungen und von eigener edelgeplanter Geselligkeit weitersprach. Hier tat sich eine reichere, leuchtkräftigere Welt auf als im gar zu kleinen Winzerdorf Lützelbronn.

Und plötzlich, wie ja oft die Gedanken und Gefühle vertrauter Freunde insgeheim zusammenklingen und gleichzeitig auf die Lippen treten, sprach es die Hausfrau zaghaft aus:

»Schade, Fanny, wirklich sehr schade, daß mein Liselottchen dich nicht immer um sich hat. Das Kind wird Heimweh nach dir bekommen, wenn du weggehst — und ich halt auch es bizzli.«