»Das war uns erlaubt. Wir mußten nur aus den Hosen das Rot abtrennen und eine bürgerliche Mütze aufsetzen, auch alle Abzeichen entfernen. So hab' ich den Einzug der Franzosen mitangesehen. Hier sind Zeitungen, hier Bildkarten und hier ein Brief von Schwester Lisy.«

Er entnahm den Taschen die zerknitterten, stark nach Tabak duftenden Papiere und gab auch das verschnürte Paket ab.

Auf einige Fragen, woher und wohin, kam schlichte Antwort. Es war Fernblick in den Augen dieses Mannes, der während des Sprechens gradaus nach dem Fenster in den Abendhimmel schaute. Er hatte eine Farm im inneren Afrika, am Kilimandscharo. Von dort war er bei Ausbruch des Krieges nach Deutschland gereist, um mitzukämpfen. Man sprach mit Achtung vom tapferen Lettow-Vorbeck, der Deutsch-Ostafrika vier Jahre hindurch unbesiegt verteidigt hatte. Dann fragte man nach den Zuständen in Straßburg.

»Erbärmlich! Hätte nie vermutet, daß im schönen Elsaß so viel Gemeinheit haust. Wenn Altdeutsche oder Deutsch-Elsässer ausgewiesen werden, muß das innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen. Dann sammelt sich der Pöbel am Desaix-Denkmal bei der Kehler Rheinbrücke. Die Ausgewiesenen, Männer von Bildung und Pflichttreue, werden truppweise bis dorthin gefahren; von dort müssen sie zu Fuß über die Rheinbrücke gehen und werden dabei beschimpft, verhöhnt, ja oft mißhandelt und mit Schmutz beworfen. So geht's auch in Kolmar und Mülhausen. Auf militärischen Lastautos, wie Tiere, führt man sie auch dort dem Pöbel zur Schau durch die Straßen nach der Grenze. In höheren und Volksschulen ist französische Sprache befohlen; die Marseillaise wird eingedrillt. Beim Einzug der Franzosen schwangen die Kinder französische Fähnchen und schrien wie besessen ›vive la France!‹ Die ganze Bevölkerung war berauscht. Frankreich bringt ihnen ja den Himmel auf Erden: Schokolade, Milch, Mehl, Rotwein — alles im Überfluß! Aber nach jedem Rausch kommt der Kater. Es wird auch im Elsaß katern.«

Der Soldat räusperte sich rauh und schwieg. Er hatte nicht viel Zeit und machte Anstalt, sich zu verabschieden. Noch am Abend hoffte er zu seinen alten Eltern nach Sachsen weiterfahren zu können.

»Und Lisy! Wie geht's denn Schwester Lisy?«

»Sehr gut. Das heißt, sie hatte einen Grippe-Anfall. Es wird wohl alles im Briefe stehen. Besonders erschüttert hat sie die Schändung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals. Nichtsnutzige Burschen, Elsässer leider und französische Soldaten, haben das Bronze-Reiterstandbild unseres ehrwürdigen alten Kaisers Wilhelm I. vom Sockel gerissen, in Stücke geschlagen und den Kopf an Seilen vor das Denkmal des Generals Kleber geschleift.«

»Was haben sie getan?!« rief Fanny entsetzt.

»Es wird im Briefe stehen«, wiederholte der Sachse. »Es waren Mitglieder eines Cercle von elsässischen Studierenden. Daß aber einer von Ihren Verwandten dabei war, Fräulein Bieler, der eben aus Frankreich zurückgekehrt ist, das hat Schwester Lisy ganz besonders zusammengeschmettert.«

»Doch nicht mein Bruder?!«