Fanny zitterte am ganzen Körper, als sie die Frage stellte.
Der Erzähler verwies mit ausgestrecktem Zeigefinger abermals auf das Schreiben und sprach gleichsam tröstend: »Das steht alles da drin.«
Dann schritt der Afrikaner in die beginnende Nacht hinaus, von Frau Cäcilie verabschiedet, die Fanny allein ließ, damit sie den Brief lesen könne.
Im großen Arbeitszimmer des ausgewanderten Elsässers waren bereits etliche Gäste mit Lobsann angekommen. Die beiden Freunde Ingo von Stein und Oberstleutnant Richard von Trotzendorff hatten sich im nahen Schloßhotel durchreisend auf wenige Tage einquartiert. Sie waren hocherfreut, in diesem neuen Lebensbezirk den ehemaligen Pfarrer von Lützelbronn so vortrefflich untergebracht zu finden. Beide trugen bürgerliche Kleidung. Die Revolution hatte ihnen persönliche Ungelegenheiten nur wenig bereitet. Den Versuch freilich eines unreifen Burschen, dem Oberstleutnant auf offener Straße die Achselstücke abzureißen, hatte dieser mit einer so wuchtigen und wirksamen Ohrfeige beantwortet, daß der Rekrut an eine Laterne taumelte. Dann hatte Trotzendorff die Hand an den Revolver gelegt, die Umstürzler durchbohrend angeschaut und unbehindert seinen Weg fortgesetzt, wenn auch hinter ihm geschimpft wurde. Der Schmerz über das schmachvolle Betragen deutscher Truppen hatte in diesem Altpreußen ebenso großartige Formen angenommen, wie sein Ingrimm, der in verzehrenden Flammen unter seinen buschigen Augenbrauen hervorschoß. Er hatte schon früher nicht viel gesprochen; während des Krieges und dieser furchtbaren Herbsttage war er schweigsamer geworden als je zuvor. Er litt unendlich. Doch in den Tiefen hofften er und Ingo trotzdem auf ein neues Erwachen der deutschen Seele.
Derselbe Ernst lag über allen Damen und Herren des erlesenen kleinen Kreises.
Ein schlanker, feingebauter Generalstabsoffizier mit durchgeistigten Zügen erzählte aus eigener Anschauung von des Kaisers letzten Tagen im Hauptquartier zu Spaa.
»Wir glaubten die Verantwortung für des Monarchen persönliche Sicherheit nicht mehr übernehmen zu können. Die Memmen von der Etappe flohen ja kopflos. Ein Unteroffizier des Kraftwagenparks in unserem Großen Hauptquartier ist im Kraftwagen mit der gesamten Löhnung durchgegangen. Durch solche feigen Flüchtlinge sind uns Milliardenwerte an Heeresgerät und Stoffen aller Art verloren gegangen. Befehle wurden nicht mehr ausgeführt, die Offiziere waren machtlos. Da sah ich den sonst so selbstsicheren Kaiser zum ersten Male unsicher. Er wußte nicht, was tun; er schämte sich, zu fliehen und zögerte lange; zu einer frühen und freiwilligen Thronentsagung konnte er sich auch nicht entschließen, denn er glaubte dann erst recht den Zusammenbruch zu beschleunigen. Endlich, an einem schmutzig-grauen Regentage, ging's fort nach der holländischen Grenze.«
»Und unser Hindenburg?«
»Ihn sah ich zuletzt, wie er den Bahnsteig betrat, gebrochen in seiner äußeren Haltung, begleitet von einem Mann in Soldatenuniform mit roter Armbinde. Ein zweiter Zug stand in der Nähe; dort stiegen Mannschaften ein; niemand beachtete den Sieger von Tannenberg. Der Feldmarschall bestieg den Wagen, an dessen beiden Enden eine Wache mit roten Binden am Arm Platz nahm. Inzwischen entwürdigten sich deutsche Soldaten, den ersten Feinden Hurra zuzurufen; es waren französische Offiziere von der Waffenstillstandsgruppe. Diese hatten mehr Würde im Leib: sie blickten gradaus und dankten nicht.«