Trotzendorff knirschte. Er stand mit gekreuzten Armen und stieß zwischen den Zähnen hervor:

»Die Franzosen haben uns bisher gehaßt, jetzt verachten sie uns.«

»Sie wollten noch vom Kaiser erzählen«, warf Ingo hin, um die dumpfe Pause zu unterbrechen.

Der Offizier erzählte.

Es war ein trauriger Regentag, als der lange Eisenbahnzug mit dem letzten Hohenzollern und seinem Gefolge in die kleine niederländische Station bei Schloß Amerongen einfuhr. Überall Schlamm, Pfützen, nasse letzte Blätter und weithin graue, flache Landschaft. Unter Regenschirmen warteten einige Dutzend Berichterstatter und allerlei neugieriges Volk nebst holländischen Soldaten und Gendarmen. Langsam krochen die schwarzen Wagen heran, mit heruntergelassenen Gardinen, ein Leichenzug. Der Kaiser, in feldgrauer Generalsuniform, mit Mütze und Pelzmantel, steigt mit seinen Leuten aus. Er begrüßt in seiner raschen alten Weise seine Gastgeber. Die Zeitungsherren schweigen; ein paar Zurufe ertönen; er will in gewohnter Freundlichkeit militärisch danken, doch die Hand zuckt wieder vom fahlen Gesicht zurück: denn schrille Pfiffe fahren darein. So geht er schnell zum Auto. In einem Kraftwagen unmittelbar dahinter nimmt ein niederländischer General Platz, der Leiter des Internierungsdienstes. Und nun ein peinliches Warten bei strömendem Regen und ungehemmt herandrängender Menge, die den Monarchen anstarrt. Einem alten General in des Kaisers Gefolge rollen die Tränen aus den Augen. Endlich sind die zahlreichen Koffer auf Lastautos umgeladen. Der Zug der Kraftwagen setzt sich unter schwachen Zurufen in Bewegung und verschwindet zwischen herbstnassen Büschen und emporspritzendem Schlamm in der Richtung nach Amerongen.

Der Offizier schwieg.

Es ging eine Bewegung der Teilnahme wie von einem inneren Weinen durch die Versammelten. Sie alle waren freiheitlich gestimmt, wie das ja dem Süddeutschen und zumal dem Badenser im Geblüt liegt; aber sie hatten auch Verständnis für Ehrfurcht. Besonders der bewegliche, in Gebärden und Sprechweise jugendlich wirkende Professor Lobsann lief einige Male hin und her, angeblich um Streichhölzer zu suchen, in Wahrheit um eine Träne zu verbergen.

»Und im Berliner Schloß«, stellte einer der Anwesenden fest, »hält ein wahnsinniger Hetzer aus demselben Fenster Ansprachen, aus dem bei Kriegsbeginn der Kaiser gesprochen — der Kaiser, dem auch die Sozialdemokratie zugejubelt hat! Und in den Schloßräumen hausen die meuterischen Matrosen, denen grade dieser Monarch seine ganze Liebe geschenkt hatte. Man möchte ausspucken, wenn man auf der Straße eine Matrosenuniform sieht.«

So suchten sich die Herzen zu erleichtern. Bitter gebrandmarkt wurde besonders die ungeheuerliche Verschwendung der nunmehrigen Parteiherrschaft, unter der auch die Soldaten für ihre Wachen gut bezahlt wurden, während gleichzeitig die Arbeiter durch Streikdrohungen geradezu unerhörte Löhne erpreßten. Mammon, überall der fluchwürdige Götze Mammon!

Ein anwesender höherer Beamter mit abgearbeiteten Zügen bekam einen Zornanfall.