»Arbeiter! Arbeiter!« rief er mit rotem Gesicht und geschwollener Stirnader. »Sind wir denn nicht alle Arbeiter?! Haben wir denn nicht für das Staatsganze gearbeitet bis zum Umfallen?! Erhält eine Munitionsarbeiterin nicht dreimal so viel Gehalt als wir alten, abgeschafften Aktenmenschen? Welcher Teufel und Dämon hat denn dem deutschen Volke seit Jahrzehnten dieses Wahnsinnsgedudel vom unterdrückten Arbeiter vorgesungen? Wurde nicht die Arbeiterschaft verhätschelt und verpäppelt, seit der Kaiser zur Regierung kam? Hat er nicht ihretwegen Bismarck weggejagt?! Und das ist nun ihr Dank! Stellen Sie sich einmal unter die Leute beim Milchholen oder beim Bäcker, wenn unsre braven Hausfrauen in dieser Dienstbotennot dort mitwarten müssen — und hören Sie das unflätige, freche Reden der Arbeiterfrau mit an! Diese Menschen hat der Satan geführt seit Jahrzehnten, aber nicht der liebe Gott. Mag unser pflichttreuer Hohenzoller gefehlt haben — diese Bande ist nicht berufen, wahrlich nicht, ein um Preußen so hochverdientes Königsgeschlecht abzusetzen!«

So machte sich dieser Gerichtsbeamte Luft.

Und die Anwesenden stimmten kräftig bei. Auch Ingo. Doch immer auf Ausgleich bedacht, streifte der Thüringer die Asche von seiner Zigarette und sagte wie im halben Selbstgespräch:

»Wohl wahr! Immerhin ... Als ich zuletzt durch Weimar kam — vor einigen Monaten —, sah ich ein paar junge Damen der gebildeten Stände aus einer dortigen Teestube in die Dämmerung heraustreten, trällernd, frech und Zigaretten rauchend. In der Schillerstraße ähnliche moderne Erscheinungen: blecherne, laute, leere Stimmen, Faltenröcke, Gamaschen, dreister Blick. Das ist weibliche Jugend mancher besseren Stände. Wohlgemerkt: in Weimar, nicht in der berüchtigten Berliner Tauentzienstraße! Wenn man als vielgereister Europäer den Blick für diese Dinge übt, so entgeht einem nicht eine wichtige Tatsache: die Roheit der unteren Stände ist nur die Widerspiegelung des Seelentiefstandes der oberen. Das, Herr Geheimrat, möchte ich als Ergänzung zu Ihren durchaus richtigen Beobachtungen hinzufügen. Und du, Richard: weißt du noch, wie wir einmal auf meinem Gut Waldeck an einem Winterabend beisammen saßen und vom unbeseelten Deutschland sprachen? Das war schon ein bis zwei Jahre vor dem Weltkrieg. Ich habe mich merkwürdig oft mit dem Kaiser im Traum beschäftigt; ich fühlte, daß er mit seinen unruhigen Reisen und Festen auf falschem Wege war, denn ich selbst hatte lange mit solchem Reisedrang zu kämpfen gehabt. Freund Trotzendorff« — Ingo fügte das lächelnd hinzu — »hatte übrigens den freundschaftlichen Ehrgeiz, mich auf Grund meines Werkes über Heldentum und Friedrich den Großen persönlich mit Seiner Majestät zusammenzubringen. Nun, es ist ihm ja auch gelungen, und zwar auf der Wartburg. Ich hatte gar viel auf dem Herzen, was ich dem Kaiser sagen wollte, besonders über sein Nicht-Verhältnis zu Kunst und Dichtung. Aber ich bin gar nicht zu Worte gekommen. Majestät wußte schon alles, wenn nicht mehr. So war denn die Unterredung kurz, schmerzlos und nichtssagend. Ich denke mit Wehmut daran zurück.«

»Leider!« nickte der Geheimrat. »Majestät wußte immer alles, wenn nicht mehr. Er redete nur, er fragte nicht. Und in Wahrheit, meine Herren, war er im Innern oft recht unsicher: er hat es nur durch forsche Reden verdeckt.«

Nun wob Lobsann eine feine Bemerkung ein:

»Sie wissen, meine Herrschaften, in der nordischen Edda ist vom Weltbrand die Rede. Alle Asen-Götter gehen unter. Einer jedoch überlebt und tötet die Midgardschlange. Dieser eine ist Widar. Und ihn, den sonst wenig bekannten, fast geheimnisvollen Gott, nennen die Sänger den ›schweigsamen Asen‹. Widar der Schweigsame überlebt. Wo mag er stecken, unser Widar, der nicht viel redet, sondern handelnd den neuen Himmel und die neue Erde heraufführen hilft?«

Ingo war entzückt von diesem Gedanken. Er schüttelte dem nicht gern vortretenden, doch manchmal sehr sinnig eingreifenden Gastherrn in seiner liebenswürdigen Weise die Hand.

Jetzt trat mit leichten, zierlichen Schritten Frau Cäcilie ein und brachte Mozartsche Stimmung in den schweren Gesprächston. Und zugleich mit ihr einige neue Gäste: ein Stadtpfarrer und ein Musikdirektor mit ihren Frauen. Sie hatte die elsässischen Zeitungen und Bildpostkarten mit herübergebracht. Und sogleich nach dem Begrüßungsaustausch spann sich das Gespräch in dieser neuen Richtung weiter.

Was für ein Anblick für den Elsässer Arnold, als er die »Straßburger Neue Zeitung« vom 22. November entfaltete! In fetten Buchstaben obenan ein »Vive la France!« Das Blatt hatte jetzt einen französischen Untertitel und französische Aufsätze vor den deutschen. Und sieh an: Als verantwortlicher Direktor zeichnete da noch immer derselbe Maler und Mundartdichter, dem einst der Kaiser persönlich den Roten Adlerorden mit schmeichelhaften Worten überreicht hatte! Jetzt aber — was für Anhimmelungen Frankreichs! Ein andres Blatt war die sozialdemokratische »Freie Presse«, äußerlich und innerlich noch übler anzusehen. Da wurden die Beschauer gleich von einer Riesenüberschrift »Wilhelm die Memme« angefunkelt. »Feig wie ein Hund« — »bei Wilhelminchen Schutz und Hilfe suchen« — »Großmaul« — so spie dieses Gewürm, dieser Elsässer!