»Bonjour, Monsieur Arnold!« rief ihm dieser auf französisch zu. »Avez-vous déjà entendu la dernière nouvelle?« Und ins Elsässische überspringend: »D' Bulgare han Waffestillstand gemacht! A la bonne heure! Gemunkelt het mr's schun lang! Awer 's isch Tatsach'! Do steht's! In zwei Woche isch Fridde im Land! Jetzt isch's mit Ditschland fertig!«
Seine Augen leuchteten vor Triumph.
Arnold achtete die katholische Kirche und lebte mit deren Vertreter in äußerem Frieden. Dieser ziemlich kurze, festgebaute Bauernsohn mit dem vollen Gesicht und der eckigen Stirne war echt alemannischen Gepräges. Aber er hatte einst den französelnden und jetzt landesflüchtigen Abgeordneten von Kolmar gewählt und pflegte dessen französisch geschriebene Zeitung zu lesen. Seine Vorstellungswelt war den Franzosen erlegen. Er bemühte sich, mit den Fabrikanten der Nachbarschaft ein bäuerlich-elsässisches, für Pariser Ohren unerträgliches Französisch zu radebrechen. Durch den Beichtstuhl hatte er Einfluß auf die Frauen, durch diese wieder auf des Dorfes Männer; er hielt seine Gemeinde kirchlich und politisch fest in der Faust. Den Anschluß an den deutschen Katholizismus lehnte er ab. »Qui dit catholique, dit français,« meinte er; »Frankreich und Italien sind die Mütter unsrer heiligen Kirche.« Mit Arnold hatte er nur einen einzigen Strauß gehabt; den aber hatte er spielend gewonnen. Der evangelische Pfarrer hatte seinen Stiefbruder in Christo freundlich gebeten, den Gottesdienst am Sonntagmorgen etwas später zu legen; denn seine Frauen und Männer, durch die schwere Wochenarbeit dieser Kriegszeiten übermüdet, könnten am Feiertag nicht genügend ausschlafen. Der evangelische Gottesdienst pflegte in der gemeinsamen Kirche vor dem katholischen stattzufinden. Doch der klerikale Kollege schlug ab; jene Stunde sei alter Brauch; ein Gesuch an das Straßburger Konsistorium war gleichfalls erfolglos: der Bischof gab seinem Pfarrer recht. Arnold zuckte die Achseln, schwieg und ließ sich fortan auf keine Bitte an den Amtsbruder mehr ein, noch weniger auf einen Streit. Sie waren Nachbarn und grüßten sich; aber keine Brücke der Liebe ging von einem zum andren.
Wie nun die beiden, im äußeren und inneren Bau so verschiedenartigen Vertreter der Religion der Liebe beisammen standen, durchzuckte den langen Forscher und Träumer die Erinnerung an jenen Vorfall. Und nach den Erschütterungen der Nacht empfand er bei dem Blick in diese triumphleuchtenden Augen einen tiefen Schmerz. Sind wir denn wirklich Diener des Meisters von Golgatha? Dann gab er dem andren ganz ruhig, nachdem er sich aus dessen frisch vom Postamt geholter Zeitung unterrichtet hatte, eine kurze Antwort.
»Mein Vater«, sprach er, »war ein Verehrer des Papa Oberlin im Steintal, der in friedloser Zeit als Mann des Friedens gewirkt hat. Ihm zu Ehren erhielt ich die Vornamen Johannes und Friedrich. Ich hänge sehr am Elsaß, aber noch mehr an Deutschland. Und wenn nun nach vier tapferen und geduldigen Kriegsjahren Deutschland der Übermacht unterliegt, so werde ich es erst recht lieben. Denn es ist einfach wundervoll, wie sich unsere deutschen Truppen schlagen.«
Dann zog er vor dem etwas verdutzten Amtsgenossen katholisch-französischer Prägung freundlich den breiten, weichen Filzhut und bog um die Ecke.
Der Tag war mit beträchtlicher Arbeit angefüllt. Der schmalschultrige, wenn auch zähe Philosoph und Pfarrer hatte Nerven und Sinne kräftig zusammenzunehmen.
Sofort nach dem Schulunterricht war ein sterbender Greis zu besuchen. Mit ihm betete der Seelsorger den 121. Psalm, dessen sich der achtzigjährige Alte noch erinnerte und den er mit lallender Stimme laut nachsprach. Dann weiter, zu zwei andren Kranken, den Ärmsten seiner Gemeinde. Da lag ein hinsiechendes Mädchen von kaum achtzehn Jahren; und bei ihm, an Gesichtsrose erkrankt, die Mutter. So groß war hier die Armut, daß Mutter und Tochter in demselben Bette lagen. Und welche Stubenluft! Oft schon hatte ihnen Arnold aus seiner eigenen Tasche ausgeholfen; und Schwester Lisy pflegte ihn bei alledem zu unterstützen wie die freilich sprödere Fanny. Aber woher in diesen Zeiten all die nötigen stärkenden Nahrungsmittel nehmen! Es waren geistig dumpfe Menschen, die ihn da aus trüben Augen anstarrten. Doch schien er in seinen Tröstungen und Gebeten heute den rechten Herzenston zu treffen. Denn heftig atmete die Frau; sie mochte in ihrer verkümmerten Seele zum ersten Male die ganze Lichtlosigkeit ihres geist- und gottfernen Lebens ahnen.
Zu Hause erwartete ihn ein kriegsblinder Theologe, mit dem er bis zum Mittagessen Griechisch trieb.
Gustav kam zur Mahlzeit aus seiner Klause herunter, weich gestimmt, müde und in sich gekehrt. Der Blinde erzählte von seinem Aufenthalt in Marburg. Man besprach die überaus drohende Kriegslage und die bedenkliche innerpolitische Zersetzung. In Palästina hatten australische, neuseeländische und indische Truppen der Engländer die Türken geschlagen und nordwärts über Damaskus zurückgedrängt. Bagdad war vom englischen Feinde längst genommen. Der Engländer saß an der nordrussischen Murmanküste. Von Amerika herüber zogen, wie Dämonenscharen, Mannschaften, Munition und Maschinen in schweren Massen nach Frankreich, um die deutsche Westfront zu übermannen. Deutschland war von der See her blockiert und hungerte: in ungeheurer Einkreisung rückten die Vernichtungsheere näher und immer näher. Nun war, völlig unerwartet, die bulgarische Mauer zerbrochen, derart zerbrochen, daß manche Bataillone ohne einen Schuß ihre Stellungen im Stich ließen und davonliefen. Die bulgarischen Parlamentäre standen im Lager der Saloniki-Armee. In wenigen Tagen war die Verbindung mit der Türkei abgeschnitten. Dann mußte auch dieses müde Volk zusammenbrechen!