Nach dem Essen nahm der Geistliche den Blinden an den Arm und wanderte mit ihm und einem leidenden Schulmädchen in das Städtchen zum Augenarzt. Das Kind mit dem dick verbundenen Auge an der linken Hand, den Mann mit der schwärzlichen Brille am rechten Arm — so zog er durch die gelblichen Weinberge dahin. »Dienen will ich,« dachte er, »nur dienen. Wer bin ich in diesem allgemeinen Zusammenbruch, daß ich mit meinem Schicksal zu hadern wage? Kannst du in deinen Bücherhimmeln selig sein, Famulus Wagner, wenn draußen so viel Herzen und Völker leiden? Ich will das Leid der Gesamtheit mittragen. Ich will wenigstens einigen helfen; ich will mit dem Rettungsboot auf das Wrack hinausfahren und ein paar Leute an Land holen.«

So empfand er. Und von seinen Gesprächen strömte Kraft und fürsorgende Liebe aus.

Abends nach der Heimkehr war noch eine Sitzung: er hatte den Aufsichtsrat der Landwirtschaftskasse zu sich gebeten, die er vor einigen Jahren gegründet hatte. Wohl hätte diese nüchternen Dinge auch ein Gemeindeschreiber besorgen können; doch der war längst gefallen.

Drüben bei Bielers, im Waschhaus, stand und schaffte tagsüber die kleine, straffe, kräftige Fanny, mit Leidenschaft an ihre Arbeit hingegeben. Und abends eilte sie trotz großer Müdigkeit noch an die Schreibmaschine. »Logos und Eros« war der Titel der gelehrten Untersuchung, die sie abschrieb. Jenes griechische Wort hat im Bezirk des Apostels Johannes besonderes Gewicht erlangt und bedeutet ewige Weisheit; das andere war Platos geistigen Gefilden entnommen und heißt Liebe. Sie wunderte sich, daß Onkel Arnold über so schlichtmenschliche Dinge so gewunden und gelehrt schrieb. Aber sie klapperte wacker und gewandt eine ganze Stunde lang, bis ihr das Köpfchen auf die Tasten zu sinken drohte. Worauf sie ihr Lager aufsuchte und schon in der Mitte des Nachtgebetes fest entschlief.


In Rauchgebilden, die sie mit dem Munde formten und in die Luft entließen, saßen Offiziere, Beamte und bürgerlicher Anhang in der Hinterstube des städtischen Gasthofes. Auch ihre Gespräche waren Rauchgebilde, aufsteigend aus den Gehirnen und Worte formend, womit sie ihre letzte Meinung voreinander verbargen.

Unter ihnen saß ein norddeutscher Hauptmann. Seine genauere Berufsart ist für die Gesamtheit des großen Geschehens ebenso belanglos wie sein Name. Einer von vielen. In allem ungefähr das Gegenteil des Hauptmanns Ingo von Stein. Von außen ein Scharfmacher; innerlich haltlos. Der junge Apotheker an seiner Seite war im Innern ein entschiedener Französling, nach außen gemütlich und von geduckter Höflichkeit; auch stets bereit, mit sich Spaß treiben zu lassen, ohne es scheinbar übelzunehmen, da er selber voll Schnurren steckte. Zwischen beiden gab es Abstufungen, anständige, nüchterne Menschen, wie sie in jeder Stadt der Westmark zu finden sind: Altdeutsche und deutschgesinnte Eingeborene, Halbelsässer und Französlinge. Aber keine warme innere Einheit.

Am besten verstanden sich Hauptmann und Apotheker. Rosig und rund gediehen beide in der allgemeinen Nahrungsnot. Sie liebten scharfgewürzte Speisen und scharfgewürzte Späße. Und wenn die anderen verduftet waren, saßen sie noch im dicken Rauch und vergnügten sich an den allersaftigsten Geschichten, wobei selbst die Kellnerin beinahe errötete und beide Gesellen duzend und scherzend ohrfeigte. Der Hauptmann blieb bei alledem wiehernd laut und derb; der Apotheker beschränkte sich auf ein niederträchtiges Schmunzeln.

»Sagen Se mal, Dicker!« pflegte dann der Hauptmann seinen Gesinnungsgenossen anzureden. Der Dicke zwar hätte das Kosewort mit ebensoviel Recht zurückgeben können; aber als Sohn eines immer verbindlich lächelnden Gastwirtes war er auf nichtssagende Höflichkeit eingeübt und nahm sich auch im angetrunkenen Zustande zusammen. Die Spitzen, die er gesprächsweise dem »Schwob« dennoch versetzte, im Bunde mit unechten Schmeicheleien, verstand nur die elsässische Kellnerin. Er wußte immer irgendwie durch Hintertüren Schaumwein, Gänseleberpasteten und ähnliche Kostbarkeiten zu ergattern, wozu er dann den Hauptmann gastfrei einlud. Dieser glaubte sich mit den Eingesessenen bereits vortrefflich angefreundet zu haben, obwohl er erst wenige Monate im Lande war. Er hielt sich für unwiderstehlich; hätte man Leute wie ihn früher gerufen, meinte er selbstgefällig, die Rasselbande der Landesverräter hätte die Knochen ganz anders zusammengenommen. Vom wahren Wesen der Elsässer hatte er keine Ahnung.

Da er zudem ein wenig mit der Zunge anstieß oder sich beim schnellen und schnarrenden Reden verhudelte, so war es dem Apotheker ein leichtes, seine Sprechweise mit stärkstem Lacherfolg nachzuahmen, sobald der andre den Rücken gedreht hatte.