Gustav sah ihn erstaunt an. Vater und Sohn, beide lang und schmal, feldgrau der Junge, dunkel der andre, wanderten wie Schatten im großen Zimmer auf und ab.
»Sieh, Gustav,« begann der Vater mit bewegter Stimme und gütigem Ernst, »wir zwei gehen immer umeinander herum, und unsere Herzen kommen nicht zusammen. Soll ich denn das Trauerspiel, das ich einst mit deiner Mutter erlebt habe, nun auch mit dir auskosten? Du kannst doch das gewiß nicht wollen.«
Gustav wußte nicht recht, worauf der Vater anspielte. Er brachte die einleitenden Worte mit dem neulichen Abend in irgendeine unbestimmte Beziehung.
»Ich habe«, fuhr Arnold fort, »nach dem Besuche des thüringischen Freiherrn eine schwere Nacht durchgemacht. Dieser Mann hat meine Gedankenkräfte aufgewühlt. Ich bin mir vollends bewußt geworden, daß ich auf einem toten Punkt sitze. Wir alle drei sind auf einem toten Punkt, du und Fanny und ich. Wir müssen uns neu beleben und erwärmen, sonst geht unser Seelenleben zugrunde. Am besten wär's, wir wanderten aus, in ein Land, wo man große Gedanken und ein reines Herz ungestört auswirken kann. Hier im Elsaß ist das unmöglich. Hier ist zu viel Haß.«
»Aber wohin?« warf Gustav müd' und schmerzlich ein. »Ist die moderne Welt nicht überall gleich herzlos?«
»Was geht uns die moderne Welt an, Gustav! Hindert sie uns drei, wenigstens untereinander herzlich zu sein? Geben wir einander wirklich, was wir uns geben könnten? Diese Frage habe ich mir neulich in bittrer Nacht vorgelegt. Und ich bin bei dieser Prüfung erschrocken, wie wenig wir uns gegenseitig vor seelischer Einsamkeit schützen. Du hast Fanny durch dein Benehmen tief gekränkt, als sie dich einlud, dem Spiel des Hauptmanns zuzuhören« — —
»Das war eine Verwechslung, Papa«, beeilte sich Gustav zu versichern.
»Hast du ihr das gesagt? Hast du um Verzeihung gebeten? Nein. Vielmehr verspinnst du dich erst recht in deine Einsamkeit und erwartest, daß wir, immer nur wir dich wieder herausbetteln. Doch wie es in uns aussieht, das kümmert dich nicht. Grenzenlose Ichsucht, Gustav! Doch ich will nicht schelten. Ich möchte dich nur vor dem Irrweg deiner Mutter bewahren. Immer war sie die Gekränkte; immer suchte sie die Ursache ihres inneren Unfriedens in der Umgebung. Nie wird jemand erfahren, wie ich unter ihren Launen gelitten habe. Und wenn sie mich mit pfeilspitzen Worten aufs tiefste verwundet hatte — ins Schlafzimmer, Tür hinter sich zu, eingeriegelt! Genau wie du! War der Anfall dann vorüber, so weinte sie und schlich beschämt wieder heraus. Ich blieb über Menschenkraft rücksichtsvoll; doch etwas in mir erstarb. Ungern sag' ich das alles; denn es ist ja auch für mich immerdar eine Beschämung, daß ich da nicht helfen konnte. Sie glaubte sich als Elsässerin in Heidelberg verkannt und verfolgt; weil sie Verwandte in Frankreich hatte — oder was weiß ich weshalb! Aber hier im Elsaß hielt sie's auch nicht aus. Unser altes Grenzlandschicksal: Hans im Schnakenloch! Spürte sie den kommenden Weltkrieg? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß Mangel an Liebe und Mangel an Vertrauen tatsächlich die Wurzeln aller Friedlosigkeit sind.«
»Das liegt so in der ganzen Zeit«, bemerkte Gustav. »Eiskalt alles! Was soll man tun, Papa? Weißt du einen Rat? Ich weiß keinen!«
»Abschütteln die Zeit! Bist du einverstanden, wenn wir drei eine Art Trutzbund gegen die Zeit schließen? Wir wandern in eine kleine Universitätsstadt aus, du, Fanny und ich. Ein Mülhauser Fabrikant will mir schon lang mein Gut Windbühl abkaufen; das bringt ein paar Hunderttausend. Du heiratest Fanny, baust deinen Doktor, tust dich als Privatdozent auf. Unser Geld reicht. Ein Kandidat wartet auch schon auf meine Pfarrei Lützelbronn« — —