»Und das Elsaß?« unterbrach Gustav erregt. »Unser Elsaß im Stich lassen, Papa?«

»Wichtiger sind mir mein Sohn und seine Braut, jawohl, Gustav! Ich bin Ketzer genug, das zu sagen. Ihr geht mir hier an den Verhältnissen zugrunde. Und dann das Entscheidende, lieber Junge: seit dem bulgarischen Zusammenbruch müssen wir mit Deutschlands Niederlage rechnen. Dann aber wird hier aus allen Ritzen Gesinnungslumperei den einziehenden Franzosen entgegenkriechen. Dann kann der Arbeiter für etliche Sous seinen Liter Rotwein trinken und sein Weißbrot essen, schwingt also nach so langem Hunger begeistert die Trikolore und hat, was er will. Das machen wir nicht mit, Gustav. Wir halten zu dem tapfer erliegenden Deutschland.«

Gustav schritt lebhaft hin und her. Stand es schon so weit mit der deutschen Westmark?

»Das Elsaß im Stich lassen, Papa?!«

»Hätt' ich einen entscheidenden Berufsposten, der für Religion, Sprache, Sitten wichtig wäre, glaub' mir, Gustav, ich bliebe, ich kämpfte! Aber —«

»Erwin wollte einen Elsaß-Bund gründen —«

»Erwin — das ist etwas anderes. Ja, das soll er tun! Erwin ist jung und spannkräftig. Der beißt es durch. Ja, diese neuelsässische Jugend soll hier deutsche Art und Sprache wachhalten, was auch kommen mag. Aber nicht du, nicht Fanny und nicht mehr ich. Euch beiden will ich leben, meine Kinder, und zwar in reiner Luft! Hier ist Luzifer zu mächtig; hier kann Christi Reich jetzt nicht aufgebaut werden.«

Und Arnold deutete an, daß sich ihm durch den Freiherrn von Stein eine wertvolle Beziehung zu dessen nahem Freunde, dem Oberstleutnant von Trotzendorff in Straßburg, eröffnet habe. Das seien deutsche Menschen, denen das Herz auf dem rechten Fleck sitze. Er werde alles Nötige in die Wege leiten.

So sprachen sie mehr als eine Stunde lang.

Gustav wurde immer wärmer und ging mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf seines Vaters Pläne ein. Die Herzen fanden sich. Vater und Sohn schüttelten sich die Hände. Jetzt spürte der Junge, wie tief der Vater sich um ihn sorgte, derart sorgte, daß er auch das heißgeliebte Elsaß zu verlassen willens war, um nur seinen Kindern in reiner Lebensluft Führer zu sein. Noch nie waren sich die beiden so nahe gekommen. Gustavs Krankheitsgefühl war verflogen; die Aussicht, aus all der dumpfen Enge herauszukommen, hatte ihn umgewandelt.